Blog „Aus- und Weiterbildung“

Verfasst von Dr. Ole Wintermann

Digitalisierung der Erwachsenenbildung: Open Educational Resources fordern etablierte Institutionen und Methoden heraus

Wie könnte ein Web-Portal gestaltet sein und welche funktionalen und methodischen Anforderungen müsste es erfüllen, wenn es im Bereich der Erwachsenenbildung u.a. als Instrument des Self Assessment durch die Lehrkräfte der Weiterbildung genutzt werden würde? Stehen neue digitale Bildungs-Trends diesem Ansatz eventuell entgegen? Wie könnte dieses Portal mit Inhalten befüllt werden, die der Nutzer zur Verfügung stellt und bewertet? Welche redaktionellen Anforderungen müssten an ein solches Portal gestellt werden?

Diese spannenden Fragen stehen zur Zeit auf der Agenda unseres gerade aufgesetzten gemeinsamen Projektes mit dem Deutschen Institut für Erwachsenenbildung (DIE). Dass ich diese spannende Debatte vor dem Hintergrund des Trends zur Digitalisierung (von Bildungsinhalten und -methoden) ab sofort begleiten kann, freut mich umso mehr. Unser Ziel wird sein, die Entwicklung des Projektes beständig in der Öffentlichkeit zu präsentieren, um eine größtmögliche Transparenz herzustellen.

Die Digitalisierung der Bildung – ihrer Methoden, ihrer Werkzeuge, ihrer Inhalte – ist sicher eine der gegenwärtig nachhaltigsten Änderungen, die die Digitalisierung der Lebenswelten mit sich bringt. Das Hauptaugenmerk der öffentlichen Debatte dreht sich bisher um die technischen Voraussetzungen des Lernens. Dass diese Debatte von vielen Missverständnissen geprägt ist (Technik hat eine soziale Dimension), die sich nur durch einen unvoreingenommenen, fächer- sowie methodenübergreifenden Blick auflösen lassen, ist kein Geheimnis. Ansätze, die Digitalisierung der Bildung auch in einen thematischen Kontext zu stellen, sind bisher eher die Ausnahme (so beispielsweise das demnächst erscheinende Buch “Generationengerechte Bildungspolitik” oder das #EDChatDE als von @HerrLarbig und @Tastenspieler initiiertes Forum digitaler Bildungsexperten) geblieben. Vielmehr drehen sich die Diskussionen von Bildungs- und Technikexperten nach wie vor häufig (nicht immer!) zu sehr um sich selbst.

Im Zuge des aktuellen Treffens mit dem DIE wurde speziell die folgenden aus meiner Sicht zentralen Fragen bezüglich des Kontextes Bildung-Digitalisierung-Internet (ohne jeweils gleich auch Antworten anbieten zu können) mit Blick auf unser gemeinsames geplantes Portal diskutiert:

  • Inwiefern sollte eine Webseite zum Self-Assessment nicht nur nachfrage- sondern auch/oder/und angebotsorientiert gestaltet sein? Sind letztlich die Themen der Portal-Anbieter oder die der Nutzer, die Inhalte einstellen können, bestimmend für die Agenda der gesamten Seite? Wie können die Interessen der Anbieter und der möglichen Nutzer miteinander am besten vereinbart werden?
  • Wie können die teils unterschiedlichen Interessen der Verbände und der Nutzer miteinander vereinbart werden? Verbände haben das Ohr am Puls der bildungspolitischen Zeit, haben politische Prozesskompetenz und besitzen eine hohe kommunikative Reichweite. Die Nutzer haben konkreten Einblick in die alltäglichen Herausforderungen pädagogischer Praxis und den direkten Bezug zu den Bedürfnissen und Wünschen der Zielgruppen.
  • Wie kann bei einer Seite, die die Interessen von Anbietern und Nutzern miteinander in Einklang bringen will, der Aufbau einer umfassenden Datenbank mit nutzerbasierten Inhalte und Methoden realisiert werden? Kann ein Umfang an Nutzerzahlen erreicht werden, der eine sich selbst stabilisierende Content-Generierung wahrscheinlich werden lässt? Grundsätzlich dürfte gelten: Je angebotsorientierter die Seite wird, desto geringer ist der Anreiz für die Nutzer Content in der erforderlichen Qualität und Masse zu generieren. Je nutzerorientierter die Seite (auch in Bezug auf die Bewertung von Inhalten) desto mehr und besserer user-generated Content wird akkumuliert.
  • Wer bestimmt die inhaltlichen Schwerpunkte und die Definition von “Qualität” der vom Nutzer und vom DIE eingestellten Inhalte? Angesichts des Umfangs der einzustellenden Inhalte des DIE ist eine dezentrale Redaktion einerseits nicht praxistauglich. Andererseits müssen sich aber die Interessen der Nutzer in der Web-Portal nahezu 1:1 widerspiegeln, da ansonsten das Konzept der Nutzerinhalte keinen Sinn macht.
  • Gleiches gilt für die Frage der Relevanz der eingestellten Inhalte. Sind es die Nutzer, die Betreiber des Portals oder ein zu bestimmender Expertenbeirat, die über die thematische Relevanz urteilen. Ich denke, eine eher nachfrageorientierte Seite sollte diese Frage, wenn sie konsistent geplant wird, eindeutig beantworten.
  • Wie vertragen sich der Trend zu Open Educational Resources (#OER), der in Deutschland sehr ausgeprägte Hang zur Zertifizierung sowie der Ansatz des Self Assessment miteinander? Dabei spielen rechtliche, bildungspolitische und berufsständische Aspekte eine solch gewichtige Rolle, dass die sich daraus ergebende Komplexität kurzfristige Antworten verbietet. Ich denke, es würde Sinn machen, an dieser Stelle die Vorstellung gewichtiger Stakeholder in einem solchen Prozess wie z.B. Wikimedia Deutschland mit in den Prozess einzubringen.
  • Selbstkritisch müssen wir uns auch fragen: Ist Self Assessment auf einem Portal, das erst einige Woche im Netz verfügbar ist, mit Blick auf die noch fehlende Reputation, die erst im weiteren Zeitverlauf erarbeitet werden müsste, sinnvoll? Wird die Anerkennung, Reputation, Zertifizierung im Bereich der Erwachsenen- und Weiterbildung auch zukünftig noch eine gewichtige Rolle spielen? Ich denke, dass sich ein sowohl-als-auch andeutet. Das Zertifikat kann in dieser unübersichtlichen Szene die Funktion eines Kompasses und eines Filters übernehmen – einerseits. Andererseits werden Lehrkräfte der Weiterbildung in Zukunft sicherlich auch stärker an Referenzen im Netz gemessen und beurteilt werden. Diese müssen sich aber eben nicht zwangsläufig auf Zertifikate beziehen.

Dieser kurze Themenaufriss gibt sehr schön unsere gegenwärtige Agenda und den Arbeitsstand unseres Projektes wieder. Wir möchten aber kurzfristig den Arbeitsprozess für die (Fach-) Öffentlichkeit öffnen, denn für diese werden wir die Plattform letztlich anbieten.

Aus diesem Grund bauen wir zur Zeit in ersten (!) Schritten eine Google Group auf, für die sich Interessierte eintragen lassen können, um zukünftig immer auf dem aktuellen Stand unserer Planungen sein zu können. Darüber hinaus möchten wir den Verteiler auch für kritisches Feedback und eine frühzeitige Einbeziehung eurer Interessen beim Aufbau dieses Web-Portals nutzen.

Wer Interesse an der Aufnahme in die Gruppe hat, schreibe bitte eine kurze Mail an mich: ole.wintermann@bertelsmann-stiftung.de Im weiteren Verlauf des Projektes wird auch die Möglichkeit angeboten werden, sich selbsttätig in den Verteiler einzutragen.