Blog „Aus- und Weiterbildung“

Verfasst von Dr. Ole Wintermann

Die #OERde14 blickte in die Zukunft: Wenn die Nicht-Community zur Zielgruppe werden muss

Nachdem wir (@pragmaticfix, @bildungsmann, @MiiBlinn, @olewin) die Gelegenheit gehabt hatten, uns am Vorabend der #OER Konferenz auf einer Veranstaltung der Stiftung Neue Verantwortung zu fragen, ob #OER nicht ganz einfach ein vorübergehender Hype sei (Nein, ist es zum Glück nicht), waren wir umso interessierter daran, uns mit anderen Befürworterinnen von #OER auf der Wikimedia-Konferenz/BarCamp auszutauschen. Soweit vorab: Sebastian Horndasch und dem Wikimedia-Team ist es gelungen, sowohl eine inhaltlich spannende als auch organisatorisch nahezu perfekt durchgeführte Konferenz auf die Beine zu stellen.

Hört auf, die Mediennutzung der Kinder zu dämonisieren!

Nach einer kurzen Begrüßung durch Prof. Jürgen Friedrich aus dem Präsidium des Wikimedia Deutschland e.V. sowie die Vize-Präsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission, Verena Metze-Mangeld, kam Thomas Krüger als Präsident der Bundeszentrale für Politische Bildung erfreulich schnell und konkret auf die Punkte, die die Republik seit Vorlage der #AnalogeAgendaDE digitalen Agenda gerade mit Blick auf die Bildungspolitik eigentlich bewegen sollte – dies aber nach wir vor nicht tut. Kursorisch sei genannt: Man solle endlich aufhören, die Nutzung von Smartphones durch Jugendliche und Schülerinnen zu dämoniersen und stattdessen versuchen, Stück für Stück die Nutzung dieser Kommunikationsmittel in den Unterricht und die Weiterbildung zu integrieren. Dabei solle man durchaus auf die Ängste und Sorgen der Lehrenden wie auch der Lernenden eingehen, diesen aber gerade auch eine positive Sicht auf die Tools vermitteln. Die Anwendung kollaborativer Tools im Unterricht könne dabei natürlich nur der ersten Schritt sein. Perspektivisch müssen man nach Möglichkeiten suchen, wie Digitalisierung und Pädagogik in integrierter Weise miteinander kombiniert werden können. Offenheit wie auf der #OER-Konferenz propagiert, sei für ihn die Voraussetzung für die politische Teilhabe der Bürgerinnen auf Basis von Wissen.

 

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Offenheit um jeden Preis? Geben wir Individualität auf? (Foto: Ole Wintermann)

Deutschland auf dem letzten Platz

Prof. Dirk van Damme von der OECD unterfütterte in seinem Vortrag den appellativen Charakter von Krügers Vortrag, mit vielen Daten und Fakten. Van Damme stellte mir Blick auf den unterdurchnittlichen Grad der Digitalisierung des deutschen Bildungssystems (im europäischen Vergleich der Nutzung digitaler Medien belegt Deutschland den letzten Platz) die These auf, dass der deutsche Nachholbedarf eine Folge der Tatsache sei, dass die Digitalisierung auch eine grundlegende soziale Innovation (Rollen ändern sich, Zuständigkeiten werden in Frage gestellt, Relevanz verschiebt sich) in der Gesellschaft ziehen (Ja!, möchte man ausrufen angesichts der immer wieder auftretenden Aussage, dass die Digitalisierung nur eine Frage der Technik und der Tools sei). Die logische Verknüpfung dieser Innovations- mit der Demographie-Thematik hatte van Damme dann allerdings weggelassen. Sein Strategievorschlag für die deutsche Politik und die Bildungsakteure setzt an mehreren Punkten an. Lehrerinnen müssten in der Nutzung der Tools geschult werden und dürften mit der Einführung der Tools nicht allein gelassen werden. Die Qualität der #OER-Inhalte müsste besser gesichert werden, um nicht die Glaubwürdigkeit der Inhalte zu beschädigen. Zudem steigere die Verbesserung der Qualität der Lerninhalte und -methoden auch die Lerneffektivität; die eingesparten Aufwände wären ganz im Sinne der Lehrenden. Es müsse den Lehrenden aber auch den politischen Akteurinnen bewusst werden, dass nicht-automatisierte und nicht-manuelle Tätigkeiten mit ständig wechselnden Kompetenzanforderungen zukünftig auf dem Arbeitsmarkt noch sehr viel stärker an Bedeutung gewönnen. Die Ausbildung eines Charakters sei zukünftig wichtiger als die Einhaltung von Disziplin, der Umgang mit der Disruption sei relevanter als das Einüben von Routine, die Konsumentinnen von Wissen würden zu Produzentinnen von Wissen, Lösungen und nicht die Hervorhebung von Problemen sei gefragt.

Wir brauchen eine #OER Policy und kein digitales Panoptikum

Prof. Michael Kerres ging in seiner Session auf die prozeduralen und technischen Herausforderungen der konsistenten und beständigen Produktion und Verwendung von #OER ein. Dabei schien es von besonderer Herausforderung zu sein, den dezentralen Ansatz bei der Erstellung von #OER auf die Abstimmung der Intra- und Inter-Serverarchitekturen abzustimmen. Im Kern: Wie kann stets die Aktualität der Inhalte auf allen beteiligten Servern gesichert werden und wo sollten diese Inhalte unter welchen Voraussetzungen gelagert werden? Es würden Modelle erprobt, wie die Zugänge von Lehrerinnen und Schülerinnen zu einzelnen Plattformen so gestaltet werden könnten, dass die dort produzierten Inhalte auch auf allen anderen relevanten Bildungsservern automatisiert unter CC-Lizenz gesammelt und publiziert werden könnten. Kerres wies auf die wichtige Erkenntnis hin, dass allein der Wille zur Produktion von #OER nicht ausreiche; es bedürfe vielmehr auch unabhängiger Akteurinnen.

Markus Deimann zeichnete in seiner Session das abschreckende Bild eines digitalen Panoptikums als einer der Kehrseiten der Transparenz. In der Betrachtung der Übertragung der Foucaul´tschen Idee von der Disziplinarmacht einer Gesellschaft unter Beobachtung auf das Prinzip der radikalen Offenheit persönlichen Verhaltens, persönlicher Daten und persönlicher Meinungen im Netz hinterfragte er die kritiklose Verfolgung der Transparenzprinzipien. Die Kontrolle der Einzelnen durch eine ständige Sichtbarkeit des Handels und Denkens schaffe die erzwungene “Gleichschaltung” durch die Evaluation von Präferenzen, Werten und Meinungen au Basis des gesellschaftlichen Mittelwertes. Ohne die Aufgabe der Eigensouveränität gebe es keine Teilhabe am Ganzen. Dies führe zu gewltsamer Glättung und Einheit statt produktiver Reibung und Vielfalt.

Jan Neumann nahm sich in seiner Session der Aufgabe an, das Framing für eine #OER-Policy der Zukunft zu definieren. Die für mich wichtigste Erkenntnis war, dass eine solche Policy (die es bisher nicht in institutionalisierter Form gibt) eine Kombination auf Top-Down- und Buttom-Up-Politik sein muss. Von oben müsse der Rahmen für die Weiterentwicklung von #OER vorgegeben werden, von “unten” würde das Engagement und die Erstellung und Distribution der Inhalte erfolgen. Jan Neumann ging dabei sehr systematisch insofern vor, als dass er nach dem Regelungsgegenstand, der Zielgruppe der Konsumentinnen, der Zielgruppe der Entscheiderinnen et al. differenzierte. Ein ähnliches Ansinnen, den gesetzgeberischen Raum für einen neuen Politikbereich aufzuspannen, war mir persönlich zumindest bisher nicht bekannt gewesen.

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(Konferenz trifft BarCamp. Foto: Ole Wintermann)

Mein ganz subjektives Fazit der Veranstaltung (weitere Berichte der o.g. KollegInnen werden folgen)

  1. Eine solch große und zum Mitmachen animierende Veranstaltung lebt vom Engagement des Orga-Teams. An dieser Stelle geht ein besonderer Dank an Sebastian Horndasch und das Orga-Team: Tolle Veranstaltung!
  2. #OER muss den Raum der Community verlassen und politisch gegenüber der Nicht-Community kommuniziert werden. Dafür benötigen wir Anwendungsbeispiele, die zeigen, warum Offenheit und Mitmachen betriebswirtschaftlich sinnvoll, moralisch überlegen, technisch nachhaltiger und zukunftsfähiger ist. Mitglieder der Nicht-Community werden Offenheit nicht als Selbszweck akzeptieren können.
  3. Qualität, Mitmachen, Reformen der Pädagogik, Verlagesinteressen, Lehrerinteressen und Standortinteressen widersprechen sich keineswegs. Man muss nur ins Gespräch kommen und versuchen, die jeweils andere Position besser verstehen zu lernen.
  4. #OER wird bisher nahezu ausschließlich unter dem Gesichtspunkt “Schule” gesehen. “Hochschulen” und “Weiterbildung” sind bisher noch nicht in derselben Weise etablierte #OER-Anwendungsbereiche. Hier gab die Anmerkung eines Studenten zu Denken: “Wieso stehen die an der Uni erstellten und mit Steuergeldern erstellten Inhalte eigentlich nicht generell unter CC-Lizenz?” Stimmt. Dass das “Betriebsmodell” der Weiterbildung natürlich anders aufgestellt ist als der öffentlich finanzierte Hochschulbereich, ist selbstredend. Nichtsdestotrotz werden auch die Weiterbilderinnen auf Dauer an diesen Themen nicht vorbeikommen.
  5. Digitalisierung ohne Einbeziehung und Anpassung der uns bekannten Pädagogik macht keinen Sinn. Die Technik allein (One Laptop per Child) kann keine Antwort auf die Digitalisierung sein.

Weitere (ausgewählte) Berichte zur Konferenz (gern einfach weitere Berichte im Kommentarfeld verlinken):

http://geschichtsunterricht.wordpress.com/2014/09/15/nachdenken-uber-oer-nachlese-zur-konferenz/

http://rechtfuermenschen.wordpress.com/2014/09/14/oerde14-in-berlin-auf-dem-weg-zum-morgen/

https://netzpolitik.org/2014/oerde14-wikimedia-konferenz-zur-zukunft-freier-bildungsmaterialien/

http://werkstatt.bpb.de/2014/09/nachlese/