Blog „Aus- und Weiterbildung“

Verfasst von Dr. Miika Blinn

Eine Wikipedia für OER-Lernmaterial in der Weiterbildung – Teil 1/2

So wie heute selbstverständlich Wikipedia für Recherchen verwendet wird, wäre es wünschenswert, auf eine umfassende Sammlung offener und freier Lernmaterialien für Weiterbildung zurückgreifen zu können. Erfahrungen im Schulbereich zeigen, mit welchen Herausforderungen die Erstellung einer solchen Plattform verbunden ist. Hier werden diese Herausforderungen auf eine mögliche OER Plattform für die Weiterbildung übertragen und diskutiert.

Eine Sammlung von OER Inhalten für Lerner und Lehrende in der Weiterbildung

Der Nutzen einer durch die Crowd erstellten am System der Wikipedia angelehnten Plattform für Lern- und Lehrmaterial in der Weiterbildung liegt auf der Hand. Als Teil einer Community von Freiwilligen erstellen sowohl Lerner als auch Lehrende das Lernmaterial der Plattform, halten dieses auf dem neuesten Stand und prüfen die Inhalte in einem kollaborativen, demokratischen Prozess. Lerner können die Plattform zum selbstständigen und spielerischen Lernen und Recherchieren nutzen; im Rahmen einer organisierten Weiterbildungsaktivität oder unabhängig davon. Anbieter von Weiterbildung können – im Rahmen der von der Plattform angewandten Lizenzen – auf die offenen Lerninhalte zurückgreifen, um ihr Unterrichtsmaterial zu gestalten. Ein Erfolg wäre es, wenn die Plattform es schaffen würde, nicht nur bildungsaffine, sondern auch bislang eher weiterbildungsabstinente Bevölkerungsteile anzusprechen und deren Weiterbildungsinteresse zu aktivieren.

In diesem Beitrag möchte ich mich mit Herausforderungen auseinandersetzen und erste Ideen für Lösungen anreißen.

OER in der Weiterbildung: Vorbild Schule

Eine Blaupause, wie eine solche Wikipedia mit OER-Inhalten für die Bildung erstellt werden kann, lieferten Thomas Aidan Curran und Simon Köhl (Gründer der Lernplattform Serlo) auf der OER-Konferenz Die Zukunft freier Bildungsmaterialien der Wikimedia Deutschland am 12.09.2014 in Berlin (#OERde14). Sie diskutierten die Frage „Wie kann das Modell der Wikipedia auf OER übertragen werden?“ anhand ihrer Erfahrungen beim Aufbau der Lernplattform Serlo. Diese stellt Lernmaterial für Mathematik im Schulunterricht bereit und wird auf andere Unterrichtsfächer ausgeweitet werden. Inhalte von Serlo werden von einem Team ehrenamtlicher und hauptamtlicher Mitarbeiter crowdbasiert erstellt und bereitgestellt (Blogbeitrag “Mehr Bildungsgerechtigkeit durch freie Bildungsmaterialien: Die Lernplattform Serlo legt in ihrem ersten Wirkungsbericht beeindruckenden Zahlen vor“)

Die Erstellung einer Plattform für freie Bildungsmaterialien nach dem Vorbild der Wikipedia stellt die Verantwortlichen und die Community (die man eigentlich nicht mehr getrennt betrachten kann) vor eine Reihe von Fragen und Herausforderungen: Diese umfassen die Erstellung und Qualitätssicherung der Lernmaterialien, die (technische) Architektur der Plattform, rechtliche Rahmenbedingungen und Kooperationsmodelle mit kommerziellen Anbietern. Einige der Erfahrungen und Herausforderungen, denen Serlo und anderen Plattformen begegnet sind,  werden auch bei der Erstellung einer ähnlichen Plattform im Bereich der Weiterbildung wieder auftauchen:

Herausforderung 1: Komplexität bewältigen

Eine Plattform für Lerninhalte muss komplexer sein als ein Lexikon. Während bei einem Lexikon, wie der Wikipedia, in einem Artikel alles Wissen zu einem Objekt zusammen läuft und dieses mit anderen Artikeln verlinkt werden kann, steigt bei einer Plattform für Bildungsmaterialien die Komplexität: Da Inhalte konsistent aufeinander aufbauen müssen, wird eine Taxonomie notwendig, die die Bildungsmaterialien aufeinander bezieht und dem Lerner Orientierung bietet. Wenn Lernmaterialen an unterschiedliche Bedürfnisse angepasst werden, stellt dies einerseits ein Risiko (Zerfaserung der Lerninhalte) sowie andererseits eine Chance dar: Es ist vorstellbar – und zu begrüßen – dass Lernanbieter Inhalte ausdifferenzieren, um sie an die Bedürfnisse von speziellen Zielgruppen (z.B. Geringqualifizierte) oder Arbeitskontexte (z.B. Branchen) anzupassen. Um Orientierung zu gewährleisten, kommt der Entwicklung einer Taxonomie eine entscheidende Rolle zu. Diese muss die Lerninhalte so organisieren, dass einerseits ein logischer inhaltlicher Überblick gewahrt bleibt und andererseits, dass zahlreiche Lernmaterialien für spezielle Zielgruppen sinnvoll querverknüpft werden.

Herausforderung 2: Lerner & Community entwickeln OER

Hat die Plattform den Anspruch die Weiterbildungsbereiche umfassend durch Bildungsmaterialien abzubilden, bedarf dies – aufgrund der Masse an zu erstellendem Material,  einer engagierten Online-Community, die Materialien erstellt, prüft, in eine Taxonomie einordnet und mit externen Artikeln (wie z.B. Wikipedia) verlinkt.

Um die Qualität der Lerninhalte und deren Nutzen für die User sicherzustellen, könnte die Einbindung weiterer Akteure des Weiterbildungssektors ein Weg sein: Weiterbildner aus der Praxis, Wissenschaftler, Weiterbildungsverantwortliche der Bundesagentur für Arbeit. Zentral ist die Einbindung der Lerner selber, die über ihre Einbindung Wertschätzung erfahren und dafür sorgen, dass die Lerneinheiten auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet werden. Wenn die Plattform sich nicht nur an bildungsaktive Teile der Bevölkerung richten soll, sondern auch an bislang eher Bildungsabstinente, stellt sich die Frage, wie diese Gruppen zu einer Mitarbeit an den Lerninhalten bewegt werden können, die sie selber betreffen.

Eine Herausforderung bei dieser kollektiven Arbeit ist es sicherzustellen, dass bei der Vielzahl der Autoren aufeinander aufbauende Lernblöcke in einer ähnlichen Didaktik und Sprache folgen. Über die demokratische Kontrolle der Inhalte via ‘the Wisdom of the crowd’ und kann sichergestellt werden, dass die Inhalte und die Taxonomie zielgruppengerecht, umfassend und in sich konsistent aufgebaut sind. Um dies zu organisierten, kann das System der Arbeitsorganisation der Wikipedia als Vorbild dienen.

In einem folgenden Blogbeitrag werden an dieser Stelle 2 weitere Herausforderungen diskutiert: Eine Wikipedia für OER-Lernmaterial in der Weiterbildung sollte finanziell unabhängig & gemeinnützig sein und sie muss Ökonomische Interessen mit OER versöhnen um erfolgreich zu sein.