Blog „Aus- und Weiterbildung“

Verfasst von Dr. Miika Blinn

Eine Wikipedia für OER-Lernmaterial in der Weiterbildung – Teil 2/2

So wie heute selbstverständlich Wikipedia für Recherchen verwendet wird, wäre es wünschenswert, auf eine umfassende Sammlung offener und freier Lernmaterialien für Weiterbildung zurückgreifen zu können. Erfahrungen im Schulbereich zeigen, mit welchen Herausforderungen die Erstellung einer solchen Plattform verbunden ist. Hier werden diese Herausforderungen auf eine mögliche OER Plattform für die Weiterbildung übertragen und diskutiert.

An dieser Stelle wurden in dem Blogbeitrag Eine Wikipedia für OER-Lernmaterial in der Weiterbildung – Teil 1/2  Herausforderungen diskutiert, die sich bei der Entwicklung  einer OER Plattform nach Wikipedia-Vorbild für Lernmaterial in der Weiterbildung ergeben. Dieser Beitrag will die Diskussion weiterführen und finanzielle Aspekte in den Vordergrund rücken.

Herausforderung 3: OER Plattform finanziell unabhängig & gemeinnützig

Um Bildungsinhalte einer freien Weiterbildungsplattform zu maximaler Akzeptanz und Glaubwürdigkeit zu verhelfen, bedarf es einer demokratischen Kontrolle der Inhalte durch die Community, die daran mitarbeitet. Diese sollte prinzipiell für alle offen stehen. Eine Rahmenbedingung hierfür ist, dass die Institution, die Erstellung und Betrieb der Plattform gemeinnützig organisiert ist und unabhängig arbeitet und als solche auch weithin anerkannt wird. Akzeptanzschädigend hierfür wären Interessenskonflikte der Plattform, z.B. bei einer einseitigen finanziellen Abhängigkeit von einzelnen interessengeleiteten Akteuren (Unternehmen, Staat, Weiterbildungsinstitutionen).

Im OER-Bereich werden verschiedene Finanzierungsmodelle erprobt.  Auf der OER-Konferenz 2014 wurde (für OER Schulmaterialien) die Bedeutung einer stabilen Finanzierung durch Spenden und Fördergelder – vorzugsweise durch verschiedene Akteure (Finanzierungsmix) aus Zivilgesellschaft, Staat und Wirtschaft sowie Privatpersonen hervorgehoben.

Der Finanzierungsmix hat einen relevanten Einfluss auf die Bereitschaft des Einzelnen, sein Wissen zur Erstellung der Plattform und ihrer Inhalte zur Verfügung zu stellen, und damit den mittel- und langfristigen Erfolg zu sichern. Wenn von Seiten der Community nicht an eine langfristige Unabhängigkeit der Plattform und der Mitspracherechte des Einzelnen geglaubt wird, sinkt die Bereitschaft ihr beizutragen. Somit würde das entscheidende Erfolgskriterium einer solchen Plattform, das Wissen der Massen zu bündeln, erodieren. Weitere oder andere Finazierungsquellen könnten Teile der OER Community verprellen und sich als “Schuss ins eigene Bein” erweisen, da z.B. „Premium-Accounts“ in der OER Community auch kritisch beurteilt werden, da sie vom Gedanken der freien Verfügbarkeit von Bildungsmaterialien abrücken.

Herausforderung 4: Ökonomische Interessen mit OER versöhnen

Eine wichtige Frage ist, unter welcher Nutzungslizenz die Inhalte einer OER-Weiterbildungsplattform bereitgestellt werden sollten. Welche Nutzungslizenz die adäquate ist, muss in einem gemeinsamen Prozess mit den beteiligten Akteuren gefunden werden. Grund: Die gewählte Form der Nutzungslizenz beeinflusst die Bereitschaft der Akteure – seien es die Community der freiwillig Engagierten oder Weiterbildungsanbieter – an der Plattform mitzuwirken.

Es wäre wünschenswert, auch die kommerziellen Weiterbildungsanbieter vom selbständigen Coach bis zum großen Weiterbildungsträger in einem attraktiven Modell in die Plattform einzubinden, so dass auch diese zur Produktion der Lehrmaterialien beitragen und diese breit nutzen. Aus volkswirtschaftlicher und pädagogischer Perspektive wäre dies zu begrüßen, wenn so die Bevölkerung mit einer hochwertigeren Weiterbildung versorgt werden könnte. Eine brennende nutzungsrechtliche Frage ist eine mögliche Zusammenarbeit mit Verlagen oder (kommerziellen) Weiterbildungsanbietern: Dürfen diese das freie Material der Plattform nutzen, um ihre eigenen – kommerziell genutzten – Materialien zu gestalten? Und wenn ja, unter welchen Bedingungen? Wie können kommerzielle Weiterbildungsanbieter bewegt werden, zur Weiterentwicklung der Lerninhalte auf der Plattform beizutragen?

Wie kann sichergestellt werden, dass Unternehmen und Weiterbildungsträger einen Anreiz haben, ihr Wissen um Didaktik und ihre Fülle an Lehrmaterial zur Weiterentwicklung der Plattform aktiv beizutragen? Und das bei gleichzeitiger Wahrung der Unabhängigkeit der Plattform und ‚Objektivität‘ der einzelnen Lerninhalte. Vielleicht bieten besondere Lizenzmodelle Unternehmen und Weiterbildungsanbietern die Möglichkeit, ihr Geschäftsinteresse mit den Interessen einer OER-Weiterbildungsplattform zu versöhnen, z. B. durch eingeschränkte Lizenzmodelle, bei denen kommerzielle Nutzungsrechte durch private Bildungsanbieter zusätzlich erworben werden müssen. Oder über Freemium Modelle, in denen kommerzielle Weiterbildungsträger alle Lehrmaterialien als OER frei zur Verfügung stellen, dadurch Reputation gewinnen und diese nutzen, um sich über face-to-face Premium Services zu finanzieren, wie z.B. Seminare für Unternehmen, Weiterbildungskurse für die BA oder 1:1 Coachings.