Blog „Aus- und Weiterbildung“

Verfasst von Monika Fischer

K(Eine) schwierige Angelegenheit – so gelingt der Aufstieg durch Bildung (1/2)

Wie sollte eigentlich das perfekte Bildungssystem aussehen? Doch so, dass jeder, der bereit ist, sich in angemessenem Maße anzustrengen, auch die Chance erhält, durch Bildung aufzusteigen.

In unserem Bildungssystem ist das oft nicht der Fall. Aufstieg durch Bildung ist eher die Ausnahme als die Regel. Die Bildungsschere, die sich durch alle Ebenen des Systems zieht, hält immer noch zu viele davon ab, durch Bildung weiter zu kommen. Dennoch gibt es sie, die Bildungsaufsteiger. Eine Tagung der Sektion Bildung und Erziehung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie im Juni 2016 bot interessante Einblicke in das Phänomen Bildungsaufstieg. In zwei Blogbeiträgen stelle ich die interessantesten Ergebnisse der Tagung vor: Erstens die die verschiedenen Phasen von Bildungsaufstiegen (1/2) und zweitens die Typen von Bildungsaufsteigern (2/2).

 

Wendeltreppe.

Der Prozess des Aufstiegs durch Bildung erscheint vielen als Weg durch ein Labyrinth, das sich erst langsam erschließt.

Drei Phasen von Bildungsaufstiegen: Irritation, Distanzierung, Transformation

Bildungsaufstiege verlaufen in den seltensten Fällen geradlinig. In vielen Fällen sind sie durch Umwege und/oder Einbahnstraßen gekennzeichnet. Gemeinsam ist ihnen aber, dass sie sich in drei Phasen einteilen lassen, die je nach Person mehr oder weniger stark ausgeprägt sind: Irritation, Distanzierung und Transformation. Aladin el Mafaalani hat sich in einer Studie mit extremen Bildungsaufsteigern angesehen, was diese Phasen ausmacht.

 

Phase 1: Irritation – „Hier bin ich nicht zu Hause, hier gehöre ich trotzdem hin!“

Die erste Erfahrung, die Bildungsaufsteiger auf ihrem Weg machen, ist die der Irritation. Sie kommen mit anderen sozialen Milieus in Kontakt, deren Normen und Werte für sie neu sind. So fühlen sie sich erst einmal fremd. Eben wie jemand, der sich aus der alten Lebenswelt verabschiedet, ohne schon in einer neuen Welt angekommen zu sein. Einige entwickeln in dieser Situation das Gefühl, nicht dazu zu gehören und schlimmer noch, das Gefühl, minderwertig zu sein. Soll der Bildungsaufstieg gelingen, gilt es in beiden Fällen, diese negativen Denkmuster ins Positive zu wenden. Etwa, indem solange verschiedene Formen einer Anbindung an die neue Lebenswelt erprobt werden, bis eine passende gefunden ist. Das Stichwort wäre hier: anders und trotzdem dabei. Oder, indem die eigene Herkunft nicht als Makel, sondern als Ressource begriffen wird.

 

Phase 2: Distanzierung – „Im Spiel der anderen die eigene Rolle finden“

Sobald der erste Schritt gemacht ist, geht es darum den Anschluss an die neue Lebenswelt zu finden. Das bedeutet bisher vorhandene Denk- und Handlungsmuster anzupassen und sich so von der Herkunft zu distanzieren. In dieser Phase experimentieren viele Bildungsaufsteiger mit verschiedenen Handlungsmöglichkeiten, die sich ihnen in der neuen Lebenssituation bieten. Man erkundet das Spielfeld, erprobt verschiedene Spielzüge und testet aus wie dehnbar die Vorgaben des Milieus sind, in dem man sich befindet. Im Idealfall wird man so Schritt für Schritt zum erfahrenen Spieler auf dem neuen Feld. Einem, der nicht nur das Spiel der anderen beherrscht sondern ihm auch eine eigene Prägung gibt. Gelingt dies, so spricht die soziologische Theorie von erfolgreichen Synthetisierungsprozessen. Im weniger idealen Fall fühlen sich Bildungsaufsteiger in dieser Phase entfremdet. Sie erleben die Situation als belastend und meinen ständig anzuecken. Rückzugsgedanken, etwa die Frage, ob sich das alles lohnt oder man nicht lieber das Handtuch werfen sollte, sind dann durchaus normal.

 

Phase 3: Transformation – „Integriert, akzeptiert – angekommen!“

Die Rückzugsgedanken verschwinden, sobald Erfolgserlebnisse in der neuen Lebenswelt gemacht werden. Die ersten Erfolge im Studium oder in der Arbeit, das Lob einer wichtigen Bezugsperson oder eine Einladung in eine besondere Gruppe sowie zu einem besonderen Ereignis sind wichtige Hinweise darauf, dass man endlich angekommen und akzeptiert ist. Angekommen und akzeptiert bedeutet auch, dass die Transformation gelungen ist. In der letzten Phase des Bildungsaufstiegs kommt es so zur reflexiven oder praktischen Stabilisierung, entlang derer sich problematische Verhältnisse zwischen dem Herkunfts- und Zukunftsmilieu auflösen. Dies kann durch einen Bruch mit der Herkunft ebenso geschehen wie durch eine gelungene Verbindung beider Milieus. Die Gründung einer eigenen Familie sowie eine berufliche Integration sind dabei wichtige Ereignisse. Trotz der Transformation lässt sich in fast allen Fällen von Bildungsaufstieg aber beobachten, dass bestimmte Grundmuster, die seit der Kindheit in Denken und Handeln verankert sind, weiter fortbestehen. In den Fällen, die el Mafaalani beobachtet hat, waren das die Grundmuster „Umgang mit struktureller Knappheit“ und „Management des Überflusses.“

 

Berganstieg in den Dünen

Bildungsaufstiege sind alles, außer einfach. Kein Wunder, dass sich der Aufstieg anfühlt, wie ein Spaziergang auf wackligem Untergrund.

Drei Faktoren, die Bildungsaufstiege vereinfachen: Sicherheit, Selbstwirksamkeit und Vorbilder

Bildungsaufstiege sind nicht immer leicht, sondern durchaus eine Aneinanderreihung selbstorganisierter Krisen. Die Überwindung der verschiedenen Krisen auf dem Weg nach oben gelingt dann, wenn bestimmte Faktoren gegeben sind. Hier eine Auswahl der wichtigsten:

 Gesicherte Lebensverhältnisse sind eine Grundvoraussetzung dafür, dass die eigene Bildungskarriere überhaupt vorstellbar ist und geplant werden kann. Denn nur wenige machen sich auf den Weg, wenn sie wissen, dass nach seinem ersten Schritt die Brücke einstürzt, auf der sie gehen.

 Eine gutes Selbstvertrauen und der Glaube an die eigenen Fähigkeiten – im Fachjagon „Sebstwirksamkeitsüberzeugung“ genannt – sind ein weiterer wichtiger Aspekt, um den Aufstieg durch Bildung zu wagen. Gerade bildungsferne Menschen sind risikoavers. Und sie haben viel zu verlieren. Solange sie nicht glauben, eine realistische Chance darauf zu haben, ein Ziel zu erreichen, machen sie sich nicht auf den Weg. Wer aber an sich glaubt, der wagt auch den ersten Schritt. Alle anderen sind danach wesentlich leichter zu gehen.

 Gute Vorbilder tragen dazu bei, dass sich Selbstwirksamkeitsüberzeugungen ändern. Daher sind Vorbilder, die zeigen, wie etwas gelingen kann, ein zentraler Faktor erfolgreicher Bildungsaufstiege. Nicht, weil Vorbilder dem Bildungsaufsteiger in besonderes ausgeprägter Weise unterstützen. Das kann manchmal der Fall sein. Viel wichtiger ist aber, dass Vorbilder Potenziale ungelebten Lebens aufzeigen. Sie zeigen, was geht und wie es geht. Dadurch kommen Denk- und Handlungsoptionen in den Blick, die der Bildungsaufsteiger vorher nicht kannte. Mehr Optionen bedeutet mehr Flexibilität, auch im Umgang mit Krisen, die im Bildungsprozess entstehen: Wenn man weiß, wie man ohne Abitur auf Umwegen an die Uni kommt, ist das Scheitern an der mittleren Reife plötzlich keine biographische Katastrophe mehr, sondern nur noch ein Rückschlag mit abschätzbaren Nebenfolgen. Als soziale Paten haben Vorbilder also Lotsenfunktion. Sie kompensieren die Unzulänglichkeiten eines für viele Bildungsaufsteiger schwer zu durchschauenden Bildungssystems durch Tipps, Tricks und motivieren dazu weiter zu machen.

Die drei beschriebenen Phasen für Bildungsaufstiege sind sehr allgemein gehalten. Verschiedene Personen gehen sie ganz unterschiedlich. Mehr zu den Typen von Bildungsaufsteigern gibt es im Beitrag, der kommende Woche erscheint.

Informationen und spannende Analysen zum Thema Bildungsaufsteiger finden sich in folgenden Publikationen: