Blog „Aus- und Weiterbildung“

Verfasst von Oliver Lummer

Was Hamburg besser kann als G20: Der Übergang in Ausbildung 1/2

Wie können junge Menschen mit Migrations- oder Fluchthintergrund erfolgreich in eine Berufsausbildung einmünden? Was ist zu tun, damit möglichst viele Schulabgänger nach der 10. Klasse eine individuelle Beratung und damit eine passende Anschlussperspektive erhalten? Wie gelingt es in Hamburg, verschiedene Institutionen zu vernetzen und Kompetenzen zu bündeln? Diese und viele weitere Fragen konnte das Projektteam „Chance Ausbildung“ der Bertelsmann Stiftung Mitte Juli bei einem Besuchstermin in Hamburg diskutieren. Vertreter des Hamburger Instituts für berufliche Bildung (HIBB) konnten uns hierbei viele interessante Einblicke in die Strukturen und Abläufe der Arbeit mit Jugendlichen geben, welche sich im Übergang von der Schule zur Berufswelt befinden. Das HIBB ist in Hamburg die zuständige Landesbehörde für die Weiterentwicklung der beruflichen Bildung und für die (Berufs-)Schulaufsicht. Im ersten Teil dieses Beitrags geht es um eine der wohl modernsten Berufsvorbereitungsschulen in Deutschland und die Konzepte, welche dort im Rahmen der Ausbildungsvorbereitung zum Einsatz kommen.

BS24  – Berufsvorbereitungsschule der Zukunft?!

Den Anfang unserer Hamburg-Reise machte ein Besuch in der beruflichen Schule Eidelstedt im Hamburger Osten, wo am Standort Niekampsweg ein komplett neues Gebäude entstanden ist. Die BS 24 ist an ihrem Hauptstandort in der Reichsbahnstraße die zuständige Berufsschule für alle jungen Menschen mit Beeinträchtigungen, die sich im Berufsbildungswerk Hamburg beruflich qualifizieren wollen.

Durch die Zusammenlegung und Bündelung von Berufsschulstandorten wurden in Hamburg finanzielle Mittel frei, welche nun für die Modernisierung oder für vollständige Neubauten von Berufsschulen genutzt werden. Schon der erste Eindruck der Außenstelle der BS24 am Niekampsweg vermittelt jedermann, dass die übliche Vorstellung einer Berufsschule mit einer klaren Ordnung in Klassen- und Fachräumen hier radikal überwunden wurde. Gruppen- und Einzelarbeitstische in runder oder eckiger Form, Schallschutzsessel, Hocker, Sofas als Rückzugsmöglichkeiten sowie sogenannte Studios mit Sitzkreisflächen und Präsentationswänden bilden die Elemente eines offenen Raumkonzepts, welches in Abstimmung von Lehrkräften mit Architekten entstanden ist.

Doch nicht nur die sehr ansprechende Optik und Gestaltung der Lehrräume lassen einen Mehrwert für die Jugendlichen entstehen, sondern die dort gelebte Form des Lernens und Lehrens. Grundlage ist der didaktische Ansatz eines selbstgesteuerten und individualisierten Lernens, welches für die Jugendlichen eine Auswahl von verschiedenen Lernangeboten und Lernräumen beinhaltet. Die Lehrkräfte unterstützen und begleiten die Jugendlichen im Team und arbeiten über Fachgrenzen hinaus zusammen. Vor dem Hintergrund vieler neu zugewanderter Jugendlicher werden zudem multiprofessionelle Teams eingesetzt, welche sich über die Bedarfe der einzelnen Schülerinnen und Schüler unmittelbar austauschen können.

Die Bildungsgänge: AV Dual, AvM Dual und BBB

Neben der Ausbildungsvorbereitung (AV Dual) sowie der Ausbildungsvorbereitung für Migranten (AvM Dual) bietet die BS24 in der Berufsvorbereitung auch die Beschulung von Teilnehmern der betrieblichen Berufsbildung (BBB) als weiteren Bildungsgang an. AvM Dual ist seit Februar 2016 in Hamburg etabliert und stand bei unserem Besuchstermin besonders im Fokus, da uns Schüler aus diesem Bildungsgang in einer kleinen Runde von ihren Erfahrungen berichteten. Die 16-19 Jahre alten Schüler, welche fast alle erst in den letzten zwei Jahren nach Deutschland gekommen sind, erzählten von ihren Erlebnissen in der betrieblichen Praxis und ihren beruflichen Zukunftsplänen.

„Dual“ ist ihr Bildungsgang nämlich deshalb, weil nach einer mehrmonatigen Einführungsphase zwei Tage in der Woche für ein betriebliches Praktikum reserviert sind. Die Praktikumsplätze müssen die Jugendlichen mit Unterstützung der Lehrkräfte und Betreuer mit entsprechender Eigeninitiative selbst finden, wobei die Bereitschaft der Hamburger Unternehmen solche Plätze anzubieten bisher als zufriedenstellend betrachtet wird. Der Vorteil für die Jugendlichen liegt darin, dass sie schon zu einem frühen Zeitpunkt ihre Wünsche und Vorstellungen mit der beruflichen Wirklichkeit abgleichen können. Wie in der Gesprächsrunde mit den Schülern deutlich wurde, liegen manche schon mit ihrem ersten Praktikum goldrichtig und es entsteht sowohl auf Seiten des Betriebs als auch beim Jugendlichen der Wunsch mit einer regulären Ausbildung anzuknüpfen. Andere stellen durch erste praktische Erfahrungen fest, dass eine berufliche Umorientierung vorteilhaft ist. So berichtete ein Schüler anschaulich, dass er zuerst dem von vielen gehegten Wunsch „etwas mit Autos“ nachging, dann gewissermaßen aber einen „Praxisschock“ erlitt und nun im Bereich Altenpflege gelandet ist, in dem er sehr zufrieden ist.

Die Vorteile einer dualen Ausbildungsvorbereitung

Damit die Jugendlichen nicht einfach zwei Tage in einem Betrieb „geparkt“ werden und dort aufgrund von Sprachbarrieren oder anderen kulturellen Gepflogenheiten keinen Anschluss finden, wird den Jugendlichen und dem Betrieb ein Integrationsbegleiter zur Seite gestellt. Diese – hauptamtlich bei externen Bildungsträgern beschäftigten – Begleiter besuchen jeden Jugendlichen mindestens einmal in der Woche persönlich im Betrieb und besprechen je nach Bedarf die Anliegen von Betrieb und Praktikant. Natürlich sind die Jugendlichen durch die Zeit im Betrieb stärker darin gefordert, Deutschkenntnisse aufzubauen und haben gleichzeitig die Möglichkeit, die in der Berufsschule gelernten Sprachkompetenzen (Deutsch als Zweitsprache – DAZ) einzusetzen. Diese integrierte Sprachförderung erleichtere es den Jugendlichen wesentlich den Spracherwerb als Grundlage für einen beruflichen Einstieg zu meistern, wie uns Schulleiter Elmar Wind und Abteilungsleiterin Cornelia Stork unisono bestätigten. Dies deckte sich auch mit unserem Eindruck der Berufsschüler, die sich problemlos mit uns über ihre Erfahrungen und Vorstellungen auf Deutsch austauschen konnten. Neben einem berufsübergreifenden Unterricht, der auch einen Fokus auf Politik/Gesellschaft sowie Werte/Normen legt, geht es im berufsschulischen Alltag immer wieder um den Bezug zur betrieblichen Realität. Die Jugendlichen sind angehalten ihre Erfahrungen zu reflektieren und können in Abstimmung mit den Lehrkräften mit berufsrelevanten Inhalten arbeiten.

Es bleibt festzuhalten, dass in Hamburg ein innovativer Weg der Ausbildungsvorbereitung gewählt wurde. An der Außenstelle der BS24 wurden dabei zusätzlich auch räumliche Bedingungen geschaffen, die für den Lernort „Berufsschule“ sicherlich neue Maßstäbe setzen und die dort angebotenen Bildungsgänge sinnvoll unterstützen. Die ersten Erfahrungen damit sind, soweit man den Schilderungen der Pädagogen und Jugendlichen Glauben schenken darf, überaus positiv. Das Projektteam von „Chance Ausbildung“ ist in jedem Fall gespannt, wie sich das Konzept innerhalb Hamburgs und womöglich auch darüber hinaus weiterentwickelt.

Teil 2: https://blog.aus-und-weiterbildung.eu/der-uebergang-in-ausbildung-22/