Blog „Aus- und Weiterbildung“

Verfasst von Laura Wunderlich

Was nimmt man mit, wenn man noch nicht weiß wohin die Reise geht? – Digitalisierung und ihr Einfluss auf Arbeit und Ausbildung Heute (3/4)

In meinen letzten beiden Blogbeiträgen habe  ich die Prognosen einiger Wissenschaftler zur Arbeitswelt der Zukunft und die damit verbundenen Herausforderungen für die Berufsbildung vorgestellt. In diesem Beitrag möchte ich nun darauf eingehen, welche Tätigkeiten mit dem derzeitigen Stand der Technik bereits von Maschinen oder Robotern übernommen werden könnten und welche Rolle die Digitalisierung schon heute in der Ausbildung im Maschinen- und Anlagenbau, als besonders betroffener Branche, spielt.

Hohe Substituierungspotenziale im Fertigungsbereich

In ihrer Studie „Folgen der Digitalisierung für die Arbeitswelt“ verfolgen Katharina Dengler und Britta Matthes vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) das Ziel, zu klären, wie die Digitalisierung sich bereits heute auf den Arbeitsmarkt auswirkt. Dengler und Matthes stellen klar, dass sie das gegenwärtige Substituierbarkeitspotenzial und nicht die zukünftige Automatisierungswahrscheinlichkeit, wie Bonin/Gregory/Zierahn berechnen, wählen aber eine ähnliche Herangehensweise. Sie wenden deren tätigkeitsbasierten Ansatz an und ermitteln auf diese Weise für die im Berufenet der Arbeitsagentur ausgewiesenen Berufe den Anteil der Tätigkeiten, die schon heute durch digitale Technologien ersetzt werden könnten.

Dengler und Matthes kommen zu folgendem Ergebnis: 15% der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland arbeiten zurzeit in einem Beruf mit einem hohen Substituierbarkeitspotential. Für Helfer und Fachkraftberufe ergeben sich laut ihrer Berechnungen Substituierbarkeitspotenziale in ähnlicher Höhe von jeweils 45 %. Auch für die Forscherinnen war dieses Ergebnis zunächst überraschend: „Sollte eine berufliche Ausbildung, die in Deutschland typischerweise eine Zugangsvoraussetzung für die Ausübung einer Fachkrafttätigkeit ist, nicht grundsätzlich besser gegen Digitalisierung schützen als eine unqualifizierte Helfertätigkeit?“ (Dengler & Matthes, 2016, S. 12). Allerdings verweisen sie darauf, dass Tätigkeiten von qualifizierten Fachkräften aufgrund eines höheren Routineanteils im Vergleich zu den Tätigkeiten von Helfern besser automatisiert werden können. Bei Berufen, die ein Bachelorstudium oder eine Meister- oder Technikerausbildung voraussetzen liegen die Substituierbarkeitspotenziale bei ca. 30 %. Berufe, die mindestens ein vierjähriges Hochschulstudium voraussetzen haben ein noch geringeres Substituierbarkeitspotenzial von ca 19 %.

Zwischen den verschiedenen Berufsgruppen gibt es deutliche Unterschiede. Fertigungsberufe und fertigungstechnische Berufe haben im Durchschnitt das höchste Substituierbarkeitspotenzial. Erzieher und Lehrer haben dahingegen das niedrigste Substituierbarkeitspotenzial. In einem Interview in der Wirtschaftswoche prognostizierte Britta Matthes, dass Berufe mit einem hohen Substituierbarkeitspotenzial nicht ganz verschwinden werden, sondern dass sie zunächst unter einen hohen Anpassungsdruck geraten und in der Zukunft andere Fähigkeiten verlangen werden.

Ist Industrie 4.0 ein Thema in der Ausbildungspraxis?

Für den Maschinen- und Anlagebau, die Branche mit den Berufen, die laut Dengler und Matthes das höchste Substituierungspotenzial haben, verspricht Industrie 4.0 – die Verzahnung von Produktion und moderner Informations- und Kommunikationstechnik  – hohe Produktivitätssteigerungen (Bauer et al. 2014). Wie sieht es in der Realität aus? Ist Industrie 4.0 schon in dieser Branche angekommen?

Hier setzt die Studie „Industrie 4.0 – Qualifizierung 2025“ von Sabine Pfeiffer, Horan Lee, Christopher Zirnig und Anne Suphan im Auftrag des Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) an. Im Ergebnis geben 70.9 % der Verantwortlichen für Aus- und Weiterbildung in Unternehmen an, dass bei ihnen Industrie 4.0 schon heute eine Rolle in der Ausbildung spielt. Unternehmen, die in den letzten Jahren inhaltliche und methodische Veränderungen umgesetzt haben und curriculare Freiräume in Bezug auf Methoden und Inhalte der Ausbildung nutzen sowie eng mit überbetrieblichen Akteuren zusammenarbeiten, nehmen Industrie 4.0 eher als Thema wahr, als weniger innovative Unternehmen.

Herausforderung: Ausbildung und Ausbildungssystem an Veränderungen anpassen

Alle Beschäftigten – nicht nur Geringqualifizierte – stehen vor der Herausforderung, ihr Können und Wissen auf dem aktuellen Stand zu halten und sich an kommende Veränderungen anzupassen, betonen die IAB-Expertinnen Dengler und Matthes. Ihre Forderungen, um die Berufsausbildung zukunftsfähig zu gestalten, sind deshalb folgende:

  • Auszubildende sollten während ihrer Ausbildung die neuesten technologischen Innovationen ihres Arbeitsbereichs kennen lernen
  • Ausbildungsordnungen müssen schneller als in der Vergangenheit an technologische Veränderungen angepasst werden

Diese Forderungen findet man auch in den Empfehlungen von Pfeifer, Lee, Ziernig und Suphan wieder. Die Lösung scheint somit darin zu liegen, Digitalisierung und Industrie 4.0 verstärkt zum Thema in (Berufs-)Schulen und Ausbildungsbetrieben zu machen.

Zum Abschluss dieser Reihe werde ich in meinem nächsten Blogbeitrag den Versuch wagen, eine Antwort auf die Frage zu finden, welche Kompetenzen für die Zukunft wichtig sein werden bzw. was junge Menschen im Gepäck haben sollten, um auf ihre berufliche Zukunft vorbereitet zu sein.
Quellen:

Bauer, W., Schlund, S., Marrenbach, D. & Ganschar, O. (2014). Industrie 4.0 – Volkswirtschaftliches Potenzial für Deutschland. Berlin: Bitkom. Online verfügbar unter: https://www.bitkom.org/Publikationen/2014/Studien/Studie-Industrie-4-0-Volkswirtschaftliches-Potenzial-fuer-Deutschland/Studie-Industrie-40.pdf

Dengler, K. & Matthes, B. (2015): Folgen der Digitalisierung für die Arbeitswelt Substituierbarkeitspotenziale von Berufen in Deutschland. Online verfügbar unter: http://doku.iab.de/forschungsbericht/2015/fb1115.pdf

Pfeiffer, S., Lee, H., Zirnig, C. & Suphan, A. (2016). Industrie 4.0 – Qualifizierung 2025. Online verfügbar unter: http://www.vdma.org/documents/105628/792540/VDMA-Studie_Industrie%204.0%20%E2%80%93%20Qualifizierung%202025.pdf/5d8938c4-5a24-4e9b-9dd5-07d585c5cbe0

 

Beitragsreihe zu “Was nimmt man mit, wenn man noch nicht weiß wohin die Reise geht?”

Teil 1/4: Digitalisierung verändert die Arbeit

Teil 2/4: Automatisierung von Arbeit

Teil 4/4: We cannot predict the future, but we can prepare for it