Blog „Aus- und Weiterbildung“

Verfasst von Dr. Martin Noack

Das ABC der Weiterbildung der Zukunft

Bildungsbenachteiligte in den Fokus

Erst kürzlich konnten wir einen Rekord der Weiterbildungsbeteiligung in Deutschland vermelden. Das sind erfreuliche Zahlen, sie zeichnen jedoch nicht das ganze Bild. Zwar werden durch diese breitere Weiterbildungsbeteiligung auch zusätzliche Gruppen erschlossen, Bildungsbenachteiligte (z.B. Atypisch und nicht existenzsichernd Beschäftigte) profitieren davon aber kaum und zunehmend weniger. Wenn wir nicht gezielt bestehende Weiterbildungsbarrieren angehen wird diese Gruppe weiter abgehängt und ihr Potential bleibt für die Entschärfung des Fachkräftemangels ungenutzt. In diesem Blogbeitrag werden 3 vielversprechende Ansätze vorgestellt:

Adaptive Lernangebote, Bildungsberatung, die ankommt, und Competenzbasierte Anerkennung.

A wie Adaptive Lernangebote

Bildungsbenachteiligte werden von Maßnahmen und Programmen zur Qualifizierung nur bedingt erreicht. Neben der geringen Weiterbildungsaffinität der bildungsbenachteiligten Menschen wird in der Bildungsforschung ein zusätzlicher Faktor auf Seiten der vermittelnden Instanzen benannt: die ‘doppelte Verankerung von Bildungsdistanz’.

„Nicht nur die Menschen haben Distanz zu institutionalisierter (Weiter-)Bildung, sondern umgekehrt hat auch die institutionelle Weiterbildung soziale und kulturelle Distanz zu diesen Adressat/innen.”

Diese doppelte Distanz trägt zusätzlich dazu bei, dass die bestehenden Bildungsangebote die Voraussetzungen und motivationalen Hintergründe der Bildungsbenachteiligten unzureichend reflektieren. Diese haben häufig negative Erfahrungen im Schulsystem gesammelt. Qualifizierungsangebote mit theorielastigem und verschultem Frontalunterricht fördern daher selten die Weiterbildungsbereitschaft sondern aktivieren eher die Erinnerungen an schulischen Misserfolg und Versagensängste.

Einen aussichtsreichen Weg weisen maßgeschneiderte Lernangebote, die durch spielerische Elemente Lernlust erzeugen, mittels individueller Anspruchsniveaus schnelle Lernerfolge bieten und zur Wahrung der Balance von Familie & Beruf zeitlich und räumlich flexibles Lernen ermöglichen. Die Adaption an den jeweiligen Lerntyp sowie die persönliche Lerngeschwindigkeit und individuelle Lernbezüge gelten als erfolgversprechende Strategie zur Erreichung „bildungsferner” Zielgruppen.

B wie Bildungsberatung, die ankommt

Bildungsberatung entspricht in Deutschland nicht den Anforderungen des lebenslangen Lernens. Das Nationale Forum Beratung hat dies in seinem Eckpunktepapier 2009 deutlich kritisiert. „Zersplitterte Zuständigkeiten, häufig ohne ausreichende Abstimmung und Vernetzung, sowie fehlende Ressourcen machen ein kohärentes, das (Berufs-)Leben begleitende Beratungssystem fast unmöglich. Selbst die Beratungsangebote nach dem Sozialgesetzbuch (SGB II, SGB III, SGB VIII und SGB IX) sind in der Praxis nicht immer ausreichend aufeinander abgestimmt oder miteinander vernetzt.“Gerade für bildungsbenachteiligte Erwachsene wird Beratung eher punktuell angeboten, obwohl genau diese angesichts geringer Qualifikation, fehlender finanzieller Mittel, geringer Unterstützung im sozialen Umfeld und mangelnden Weiterbildungsangebots durch Unternehmen den höchsten Bedarf aufweisen. Gegenüber einem schlichten Ausbau zu einem flächendeckenden Beratungsangebot sind jedoch Zweifel angebracht. Denn es bleibt unklar, ob Bildungsbenachteiligte diese Angebote überhaupt nutzen würden, da „sich Weiterbildungsteilnehmer häufiger in ihrem näheren Umfeld über Weiterbildungsangebote informieren als über Beratungseinrichtungen“. Hinweise von Vorgesetzten, Freunden, Bekannten, Verwandten oder Arbeitskollegen spielen nach deren Angaben eine erheblich größere Rolle. Neben Umfang, Qualität und Transparenz steht daher die Frage im Raum, wie Weiterbildungsberatung die Zielgruppen überhaupt erreichen kann.

Einen Ansatz bieten hier quartierbezogene Beratungsansätze. Sie sollen eine lebensnahe Beratung gewährleisten, die vor Ort eine individuelle Ansprache bietet, den Lernprozess zielorientiert begleitet und Transparenz über Qualifizierungsangebote sowie bildungsbiographisch anschlussfähige Abschlussniveaus herstellt. Zentrale Prinzipen dieser aufsuchenden Bildungsarbeit sind Niedrigschwelligkeit, Ressourcenorientierung, Herstellung von Milieu- und, Nutzenorientierung, Lebensweltnähe und Interessenorientierung.

C wie Competenzbasierte Anerkennung

Mit dem „Memorandum über lebenslanges Lernen“ führte die EU im Jahre 2000 einen neuen und umfassenden Lernbegriff ein. Gelernt wird nicht nur in Bildungseinrichtungen, sondern auch am Arbeitsplatz, in der Freizeit und in der Familie. Als Folge dieses neuen Lernverständnisses wird im Besonderen das informelle Lernen aufgewertet. Vielfältige Aktivitäten sollen die informell erworbenen Kompetenzen sichtbar machen (z.B. Europäischer Lebenslauf, Europass-Berufsbildung, Europäisches Sprachenportfolio). Die Lernanstrengungen werden fortan begrifflich durch eine Trias gefasst: formales, non-formales und informelles Lernen.

Zusätzlichen Schub hat die Frage der Anerkennung informell erworbener Kompetenzen durch die Verabschiedung des Deutschen Qualifikationsrahmens (DQR) erhalten. Die jüngste Aufforderung der Europäischen Kommission an die Mitgliedsstaaten, bis 2018 konkrete Mittel und Wege zur systematischen und individuell einforderbaren Anerkennung von informell und non-formalen Kompetenzen zu etablieren, verleiht hier zusätzliches Momentum. Trotz der Klagen über den Fachkräftemangel scheint der Druck in Deutschland zurzeit aber noch nicht auszureichen, um eine systematische Erschließung von Kompetenzreserven zu etablieren – vielleicht, weil Personen mit den gewünschten Qualifikationen doch noch in ausreichendem Maße vorhanden sind oder die Zuwanderung aus Spanien oder Osteuropa attraktiver erscheint als die Modernisierung liebgewonnener Strukturen und Regeln. Der Zugang zu einem Berufsfeld ist jedenfalls über Prüfungsordnungen und -anforderungen immer noch stark reguliert und sichert damit auch die Interessen berufsständischer Organisationen.

Unter den europäischen Ländern gelten die Schweiz, Österreich, Frankreich und auch Großbritannien – ganz abgesehen von den skandinavischen Ländern – als Beispiele für ein stärker ausgebautes Anrechnungs- und Anerkennungssystem. In Finnland können sich Erwerbstätige nach fünfjähriger Berufstätigkeit z.B. in einem Klempnerbetrieb zur Gesellenprüfung anmelden und durch den praktischen Nachweis ihrer Fähigkeiten den Gesellenbrief erwerben.

In Deutschland hingegen ist das Bildungswesen traditionell auf das Durchlaufen von Bildungsgängen und die sich daran anschließenden Qualifizierungen – meist in Form von theoretischen Prüfungen – ausgerichtet (Bildungslaufbahnen). Die systematische Anerkennung praktischer Kompetenzen (Berufserfahrung) oder gar modularisierte (Ausbildungs-)Abschlüsse zur Verbesserung der Durchlässigkeit des Berufssystems sind zwar in der Diskussion, aber noch nicht Realität. Berufserfahrung berechtigt lediglich zur Zulassung zur Externenprüfung nach § 45 BBiG bzw. § 37 HwO. Diese umfasst den gesamten theoretischen und praktischen Kanon der betrieblichen und berufsschulischen Ausbildung. Entsprechend wird dieser Zugang zu ca. 2/3 von Personen genutzt, die damit eine Zweitausbildung abschließen. Für Bildungsbenachteiligte sind die enormen Anforderungen der Externenprüfung jedoch keine echte Option zur Erlangung eines Berufsabschlusses. Auch Portfolioansätze zur kategorialen Kompetenzerfassung unterhalb heutiger Berufsausbildungen sind noch in den Anfängen (z.B. ProfilPASS, Berufswahlpass).

Um bildungsbenachteiligten Erwachsenen eine echte Berufs(ausbildungs)chance zu eröffnen, erscheint der Weg über Ausbildungsbausteine unerlässlich. Erst diese Aufteilung der ansonsten für Bildungsbenachteiligte unerreichbaren Abschlusshürde in überschaubare Herausforderungen ermöglicht die notwendige Flexibilisierung, um die jeweiligen Bildungsambitionen erfüllen und gleichzeitig Erwerbstätigkeit und Familienleben vereinen zu können.

Die Portfolio-Ansätze zur Kompetenzerfassung müssen zudem zielgruppengerechter auf Ältere, Migranten, Schulabbrecher etc. eingehen. Sie sollten möglichst wenig Ähnlichkeit mit Prüfungs- oder Lehrsituationen haben und sich auf praxisrelevante Kompetenzen statt auf Schulwissen konzentrieren. Besser geeignet sind spielerische Verfahren wie Simulationen von Ernstfallsituationen, Assessment-Ansätze oder praktische Arbeitserprobungen. Erfolgversprechend werden diese zudem nur sein, wenn ausreichend Informations- und Beratungsleistungen vorhanden sind. Insbesondere das seit Jahren nachgewiesene Potential von spielbasiertem Lernen (game-based learning) aber auch anderer Ansätze, die auf der digitalen, lernbegleitenden und lernprozesssteuernden Kompetenzerfassung beruhen, versprechen erhebliche Fortschritte, insbesondere, wenn die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Pädagogik/Didaktik, Informatik/Ingenieurwissenschaften und Lern(neuro)psychologie fortschreitet. Das Ausmaß, in welchem es der Erwachsenen- und Weiterbildung gelingt, auch Bildungsbenachteiligten messbare Kompetenzen zu vermitteln, wird in Zukunft noch viel mehr als bisher über den Erfolg einzelner Maßnahmen, einzelner Träger sowie des gesamten Weiterbildungssystems. Die Flexibilität und Durchlässigkeit im Bildungssystem hat sich in den letzten Jahren einzig bei höher Qualifizierten verbessert. So werden in der Berufstätigkeit erbrachte Leistungen immer häufiger auf Studienleistungen angerechnet und die Zulassung zu bestimmten Studienfächern ist mittlerweile in allen Bundesländern ohne Abitur-Zeugnis möglich. Diese positiven Erfahrungen sollten dazu motivieren, auch Bildungsbenachteiligten Aufstiegschancen zu eröffnen.