Blog „Aus- und Weiterbildung“

Verfasst von Prof. Dr. Bernd Käpplinger

Erste Herausforderung: Verlässliche und qualitätsvolle Angebotsstruktur und stabile Finanzierung sichern! (4/8)

Viele Studien belegen, dass Beratung (mit Ausnahmen) nicht marktfähig ist. (vgl. Niedlich, Christ, Korte, Berlinger und Aurich 2007). Der Coaching-Boom der letzten Jahre widerspricht dem nur zum Teil. Hier sind es nämlich zumeist zahlungsfähige Höher- und Hochqualifizierte, die eine Beratungsleistung in Anspruch nehmen oder diese von ihren Betrieben finanziert bekommen. Die öffentliche Finanzierung erfolgt häufig über zeitlich befristete Förderprogramme (wie dem Europäischen Sozialfonds) und über Bundes- oder Länderebenen. Im Dienstleistungsbereich für Bildung, Beruf und Beschäftigung grassiert häufig die „Projektitis“. So ist nicht einmal schätzungsweise bekannt, wie viel Geld in Deutschland jährlich für Beratung ausgegeben wird. Das ließe sich bestenfalls einmalig durch intensives Durchforsten verschiedener Haushaltsposten grob rekonstruieren.

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Anschubfinanzierungen und Aufbauarbeit können sich kaum amortisieren, wenn es nicht gelingt, nach Ablauf von Programmen neue Projektförderungen zu bekommen. Mittelgeber mögen noch so viele Business- und Verwertungspläne für Projektnehmer definieren, Bildungsberatung lässt sich kaum marktförmig oder mit degressiver Förderung platzieren. So werden öffentliche Mittel wenig nachhaltig eingesetzt und sind die Ratsuchenden mit undurchsichtigen und sich ständig verändernden Strukturen konfrontiert. Gerade eine spezielle Dienstleistung wie individuelle Beratung braucht jedoch Vertrauen und Vertrauen benötigt Zeit, um zu wachsen.

Schließlich ist das aus dem Ruder gelaufene Verhältnis von Programmförderung und Grundförderung grundlegend neu zu gestalten. Allerdings schließt dies nicht aus, dass man das Tabu der Kostenbeteiligung – gerade bei einkommensstärkeren Beschäftigtengruppen – durchaus hinterfragen kann. Schließlich ist auch ein Volkshochschulkurs in der Regel nicht kostenfrei. Will man jedoch Bildungsbenachteiligte und bildungsferne Milieus (mit ihrem hohen Anteil an prekär Beschäftigten) erreichen, wirkt sich eine Kostenbeteiligung nachteilig aus. Wer für sich selbst keinen Weiterbildungsbedarf sieht und nur über wenig Überblick in Sachen Beratung verfügt, der wird kaum bereit sein, sich an Beratungskosten zu beteiligen. Vielen prekär Beschäftigten dürfte schlichtweg das Geld fehlen, um selbst kleine Kostenanteile übernehmen zu können. Letztlich muss Beratung als ein Element der Daseinsfürsorge mit erwiesenem privatem und öffentlichem Nutzen etabliert werden.

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Politik und Verwaltung mögen daran interessiert sein, einerseits Förderprogramme öffentlichkeitswirksam zu verkünden und andererseits keine langfristigen Verpflichtungen eingehen zu müssen. Ein solches Eigeninteresse ist – gerade mit Blick auf Nachhaltigkeit – aber ebenso kontraproduktiv wie die damit verbundene politisch-administrative Handlungslogik. Der Anteil institutioneller Förderungen für die Bildungsberatung sollte in den öffentlichen Haushalten auf mindestens 30 Prozent angehoben werden – und zwar jenseits von Programm- oder Projektförderungen. Nur so lässt sich eine halbwegs verlässliche und qualitätsvolle Angebotsstruktur sichern.

Den vollständigen Text aus der Expertise „Bildungslotsen in der Risikogesellschaft“ von Prof. Dr. Bernd Käpplinger finden Sie hier

Beitragsreihe von Prof. Dr. Bernd Käpplinger

  1. Quo Vadis Bildungsberatung – Auftakt zur Blogreihe von Prof. Dr. Bernd Käpplinger (1/8)
  2. Bildung und Bildungsberatung wirken – Ihr ganzer Nutzen zeigt sich jedoch zeitversetzt (2/8)
  3. Beratung nicht mit Erwartungen und Vorgaben überfrachten (3/8)
  4. Erste Herausforderung: Verlässliche und qualitätsvolle Angebotsstruktur und Stabile Finanzierung sichern! (4/8)
  5. Zweite Herausforderung: Beratung 2.0 – Hybride Beratungsformen forcieren! (5/8)
  6. Dritte Herausforderung: Professionelle Institutionen und qualifizierte Berater – Qualitätssicherung in der Bildungsberatung ausbauen! (6/8)
  7. Vierte Herausforderung: Ein „Haus für Beratung zu Bildung, Beruf und Beschäftigung“ in jeder Kommune – Neue Wege in der Beratungslandschaft gehen! (7/8)