Blog „Aus- und Weiterbildung“

Verfasst von Monika Fischer

Integration von Flüchtlingen ermöglichen – wie Ehrenamtliche dazu beitragen, dass aus einer Willkommenskultur eine Kultur des Miteinanders wird (1/4)

In meiner Heimatregion ist die „Flüchtlingskrise“ Alltag geworden. Der Landkreis Rosenheim gehörte zu den ersten Regionen, in denen Flüchtlinge ankamen und untergebracht wurden. Mittlerweile ist die „Krise“ ein spannender und oft anregender Alltag geworden – was den vielen Ehrenamtlichen vor Ort zu verdanken ist. Mit einer Reihe von ihnen habe ich über Herausforderungen und Lösungsansätze gesprochen – vor allem mit Blick darauf wie die Aktivitäten der Ehrenamtlichen unterstützt werden können. Einige Einblicke daraus möchte ich im Rahmen dieser 4-teiligen Blogserie weitergeben.

Flüchtlingsquote von 0 auf 5%, Engagement von 0 auf 100 – wie das ehrenamtliche Potenzial geweckt wurde

Bis vor zwei Jahren waren die zwei Gemeinden Frasdorf und Rohrdorf noch oberbayrische Provinz. Beide Gemeinden liegen malerisch in den Chiemgauer Alpen. Gesellschaftliche Probleme spielen hier – etwas überspitzt gesagt – vor allem dann eine Rolle, wenn eine Folge der Rosenheim Cops gedreht wird.
Ende 2013 kam, was absehbar war: Die ersten Flüchtlingsunterkünfte in den Dörfern wurden eingerichtet. Die Probleme einer globalisierten Welt zeigten sich nun auch in der bayrischen Provinz. Beide Gemeinden standen vor der Herausforderung mit einer über Nacht von 0 auf 5% angestiegenen Flüchtlingsquote umzugehen. In verschiedenen Dörfern der Gemeinde kommen z.B. etwas mehr als 30 Flüchtlinge auf an die 600 Einwohner. Dabei hatte sich über so etwas wie Integration bisher kaum jemand Gedanken gemacht. Was also tun?
Ohne offizielle Koordination zogen in dieser Situation die Integrationsbemühungen in beiden Gemeinden von 0 auf sprichwörtlich 100 an. Jeweils in anderer Weise, immer aber aufbauend auf dem Engagement freiwilliger Ehrenamtlicher. Diese machten sich ohne externes Zutun und ohne externe Anreize auf den Weg, um die ankommenden Flüchtlinge zu unterstützen. Viele von ihnen sind nunmehr fast zwei Jahre aktiv mit Flüchtlingen unterwegs. Mittlerweile gibt es in der Region Koordinatoren, die das Engagement der Ehrenamtlichen und die Spendenbereitschaft der Bevölkerung zusammenbringen. Mit dem Projekt „Hand in Hand“ startet demnächst eine digitale Informations- und Koordinationsplattform, die Angebot und Nachfrage nach Unterstützung im gesamten Landkreis zusammenbringen wird.

Vier Elemente der Integration – individuelle Betreuung, Spracherwerb, Integration in die Zivilgesellschaft und Integration in Arbeit

Fragt man die Ehrenamtlichen danach, wie Integration gelingen kann und woran Integration scheitert, so erhält man eine Antwort, die auf vier Elemente hinweist. Zuvorderst braucht es eine individuelle Betreuung die soziale und gesundheitliche Probleme der Flüchtlinge aufgreift und im besten Fall auflöst. Erst wenn der Kopf frei von diesen existentiellen Sorgen ist, machen Sprachkurse sowie Qualifizierungsangebote Sinn. Sie wiederum bilden den Schlüssel einer gelingenden Integration in die Zivilgesellschaft und schließlich in Arbeit.

Der erste Schritt: Gegenseitiges Vertrauen aufbauen und Sicherheit schaffen

Mit der individuellen Betreuung der Flüchtlinge legt man die Basis für alles weitere. Die meisten der Flüchtlinge haben einen harten Weg hinter sich. Sie sind verängstigt und unsicher. Nicht wenige von ihnen sind traumatisiert. Die Aufarbeitung dieser Erfahrungen gelingt oft nur in langwieriger Einzelbetreuung. Dazu muss Vertrauen aufgebaut und Sicherheit geschaffen werden. Erst dann machen weitere Integrationsbemühungen Sinn. Die Rolle als „Ersatzeltern“ – insbesondere für junge Flüchtlinge zu übernehmen – ist für die Ehrenamtlichen nicht leicht. Denn für die Erfahrungen, mit denen man konfrontiert wird, braucht man „ein echt dickes Fell“ wie es ein Helfer zusammenfasst.

Der zweite Schritt: Deutschkurse anbieten, die den Bedürfnissen der Flüchtlinge gerecht werden

Gleich an zweiter Stelle steht der Erwerb der deutschen Sprache – als das A und O der Integration 1. Die Teilnahme an festen Grund- und Aufbaukursen bleibt vielen Flüchtlingen vorerst verwehrt: Es fehlen die Kursräume und mehr noch die Dozenten. Lehrende mit dem Schwerpunkt „Deutsch als Zweitsprache“ sind mittlerweile so gefragt, dass schulische Einrichtungen Honorarkräfte von Volkshochschulen abwerben. Dadurch ist für viele Flüchtlinge der ehrenamtlich gehaltene Sprachkurs in der Unterkunft oft die einzige Möglichkeit Deutsch zu lernen.
Die Erfahrungen der Ehrenamtlichen zeigen, dass erfolgreiches Sprachenlernen mit Vertrauen sowie einem guten persönlichen Draht zwischen Lernenden und Lehrenden steht und fällt. Eine weitere Herausforderung bei der Gestaltung der Kurse liegt in der extremen Heterogenität der Flüchtlinge. Vom Analphabeten bis zum Akademiker sind alle Bildungsgrade vertreten, dazu kommt die schwierige Kommunikation zwischen unterschiedlichen Nationalitäten, Ethnien, Schichten und Geschlechtern.

Der dritte Schritt: Raus aus der Unterkunft, rein in die eigene Wohnung, rein ins (Vereins-)Leben

Der Erwerb der deutschen Sprache bildet den Ausgangspunkt für eine weitere Integration in die Zivilgesellschaft. Die drängendste Herausforderung ist hier die Bereitstellung von passendem Wohnraum für anerkannte Flüchtlinge und deren Familien. Aktuell suchen beide Gemeinden nach Lösungen die den Einheimischen vermittelbar sind. Die große Angst der Ehrenamtlichen ist, dass an solchen Themen möglicherweise „die Stimmung kippt“ und am Ende niemandem geholfen ist.
Wichtig ist ihnen zufolge, die Unsicherheit in der Bevölkerung abzubauen. Kennenlernfeste, Informationsveranstaltungen und gemeinsame Aktivitäten mit den Flüchtlingen im Rahmen von Vereinstreffen und –feiern bieten dazu Möglichkeiten. Einige Gemeinden haben solche Konzepte bereits erarbeitet und erprobt. Diese müssten in die Breite getragen werden.
Aktivitäten wie etwa ein Kennenlernfest helfen, dass die Flüchtlinge Einblick in den deutschen Lebensstil sowie die lokalen Gepflogenheiten gewinnen. Erst wenn das Miteinander wirklich erfahrbar wird – so ein Helfer – kann auch erwartet werden, dass bestimmte Werte, Normen und Verhaltensweisen verstanden und übernommen werden. Das mag bei der Mülltrennung klein anfangen, geht aber schnell von Fragen wer z.B. beim Sauberhalten der Unterkunft mithilft zu Fragen nach der Gleichberechtigung zwischen Schichten und Geschlechtern über.

Der letzte Schritt: Entgegen aller Wahrscheinlichkeiten eine passende Arbeit finden

Die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt steht auf der Agenda der ehrenamtlichen Helfer erst an letzter Stelle. Auch wenn eine eigene Arbeit auf viele Flüchtlinge hoch motivierend wirken würde. Einmal sind die Aussichten auf Erfolg gering. So verweist der Vorstand der Bundesagentur für Arbeit darauf, dass es sich bei Flüchtlingen eher um die Fachkräfte von übermorgen handelt: Betrachtet man internationale Erfahrungen finden rund 8% der Flüchtlinge nach einem Jahr Arbeit, nach rund 5 Jahren sind es 50% 2. Groß sind zudem die Herausforderungen, die es auf dem Weg dorthin zu bewältigen gibt, etwa der Aufwand für die Stellensuche und die damit verbundenen Behördengänge, denn nur in den seltensten Fällen brauchen die Flüchtlinge hier keine Unterstützung. Integrationshilfe in den Arbeitsmarkt können die Ehrenamtlichen oft aus zeitlichen Gründen nicht leisten, denn auch sie haben Familien und Privatleben.
Einfache Leitfäden für Ehrenamtliche und Arbeitgeber, die darüber aufklären was wann wie und vom wen zu tun ist, wenn ein Flüchtling Arbeit finden will, können die Arbeit der Helfer vereinfachen. Gute Konzepte arbeitsintegrierter Sprachförderung wären ein Weg die Wartezeiten bis zur Aufnahme einer Arbeit zu verkürzen. Die Motivation zum Lernen würde zudem dadurch gestärkt, dass sich der Erwerb der Sprache gleich praktisch umsetzen lässt.

Blogbeitragsreihe zur Flüchtlingsthematik:

Zum Thema Integration von Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt berichtet auch unsere Kollegin Claudia Burkard:
http://blog.aus-und-weiterbildung.eu/integration-von-fluechtlingen/


  1. Raimund Becker , Vorstand der Bundesagentur für Arbeit im Interview mit der Zeitung „Die Welt“ vom 01.09.15: „Wir brauchen praktikable Lösungen“ Der Vorstand der Bundesagentur für Arbeit, Raimund Becker, über die Integration von Flüchtlingen, Sprachbarrieren, nicht anerkannte Qualifikationen und Bürokratie“
  2. Raimund Becker , Vorstand der Bundesagentur für Arbeit in der FAZ vom 01.10.15: „Der Arbeitsmarkt rüstet sich für die Flüchtlingswelle; Tausende Neueinstellungen in Arbeitsagentur und BAMF geplant / “Wir brauchen einen langen Atem“