Blog „Aus- und Weiterbildung“

Verfasst von Monika Fischer

Integration von Flüchtlingen ermöglichen – was Ehrenamtliche brauchen, um eine Kultur des Miteinanders aktiv zu gestalten (4/4)

Individuelle Betreuung bei gesundheitlichen und sozialen Problemen, Unterstützung beim Spracherwerb, bei der Integration in die Zivilgesellschaft und bei der Integration in Arbeit – was Ehrenamtliche im Moment für Flüchtlinge leisten ist enorm. Mehr noch, ohne ihr Engagement wäre die „Flüchtlingskrise“ nicht zu meistern. Allerdings merken einige der Ehrenamtlichen mit denen ich gesprochen habe, dass nach nunmehr fast zwei Jahren Engagement die Arbeit mit Flüchtlingen nicht nur anregend sondern oft sehr anstrengend ist. Mit einigen von ihnen habe ich gesprochen.

„Wir erfinden das Rad immer wieder neu“ – mehr Austausch und mehr Vernetzung können die Arbeit der Ehrenamtlichen vereinfachen

Viele ehrenamtliche Helfer wünschen sich mehr Austausch mit anderen Ehrenamtlichen, um Lösungen auf akute Probleme zu finden, aber auch um emotionalen Rückhalt zu erhalten. Einerseits gibt es keinen zentralen Ort, an dem man sich über andere Initiativen erkundigen könnte, andererseits fehlt schlichtweg oft die Zeit sich auf die Suche danach zu machen. Dies führt dazu, dass viele gute Ansätze z.B. für Sprachunterricht in den Flüchtlingsheimen oder für Kennenlernfeste immer wieder neu entwickelt werden. Hier ließe sich viel Zeit sparen, wenn die besten Ansätze für diese und andere Herausforderungen an zentraler Stelle gebündelt würden. Dann könnte man adaptieren statt neu konzipieren – und am Ende viel Zeit sparen und schon vorhandene gute Lösungen verbessern.

Austausch mit anderen Helfenden wäre für die Befragten wichtig um sich gegenseitig zu motivieren und zu beraten. Bei aktuellen Problemen fänden sie es zudem hilfreich einen kollegialen Stammtisch zu haben, an dem man emotionale Unterstützung erhält oder einfach mal Wut ablassen kann.

„Und am Ende stehen wir allein da“ – wer hilft eigentlich den Helfern?

Seltener das Gefühl zu haben allein gelassen zu werden, würde den Ehrenamtlichen helfen ihre Motivation auch in schwierigen Situationen aufrecht zu erhalten. Dabei sind es nicht die Gemeinden die man in der Bringschuld sieht, sondern die Politik auf Landes- und Bundesebene. Zwei Aspekte kommen dabei vorrangig zur Sprache: Das Fehlen finanzieller Mittel und die mangelnde Anerkennung ehrenamtlichen Engagements.

Unterm Strich bekommt keiner der ehrenamtlichen Helfer nennenswerte finanzielle Unterstützung. Die eingebrachte Zeit, Fahrtkosten, Kopien von Lernmaterial und vieles mehr werden oft aus eigener Tasche finanziert. Bis zu einem gewissen Grad sind alle Ehrenamtlichen bereit diese Mittel mit einzubringen. Frustrierend ist für Sie aber der Zeitaufwand der für die Akquise größerer Mittel – etwa wenn es um Kursunterlagen für Lernende geht – aufzuwenden ist. Dies wird als zusätzliche Hürde betrachtet, als Steine die der eigenen Arbeit immer wieder in den Weg geworfen werden. Gut wäre es daher Mittel einfacher ausfindig machen zu können und schneller bewilligt zu bekommen. Denn jeder Tag, den sie auf Mittelakquise verwenden müssen, ist ein Tag, der für die Betreuung der Flüchtlinge verloren geht.

Das Lob aus der Bevölkerung für die geleistete Arbeit ist groß, das berichten alle der befragten Helfenden. Die mangelnde Anerkennung des Engagements durch einige wenige zehrt dennoch an der Motivation der Ehrenamtlichen. Für sie sind die Schwierigkeiten Unterstützung für die eigene Arbeit zu erhalten, sowie das teils unverständliche Verhalten einiger weniger Flüchtlinge schwer zu verkraften. Insbesondere die fehlende Wertschätzung einiger Flüchtlinge für die freiwilligen Leistungen der Ehrenamtlichen frustrieren. Gleichzeitig versteht man deren Verhalten – denn bei vielen Flüchtlingen herrscht der Glaube vor, dass alles was ihnen geboten wird selbstverständliche Inklusivleistungen sind. Das dem anders ist, kann aufgrund bestehender Sprachbarrieren nur schlecht vermittelt werden. Hier würden sich die Ehrenamtlichen eine stärkere Aufklärung – etwa durch Kurzvideos in den jeweiligen Landessprachen – wünschen. Erklärschilder und besser noch Erklärvideos in den jeweiligen Landessprachen dazu wie Deutschland funktioniert, wären für die ehrenamtlich Aktiven eine großartige Hilfe. Damit ließen sich viele Missverständnisse vermeiden. Stärkere Anreize für Flüchtlinge die ehrenamtlichen Angebote – etwa die Sprachkurse – zu nutzen, wären eine weitere wichtige Unterstützung, damit die eigene Arbeit Wertschätzung erfährt. Im Moment hat es keinerlei Vorteile oder Konsequenzen wenn der Sprachkurs besucht oder nicht besucht wird. Die Motivation für Flüchtlinge daran teilzunehmen ist daher in vielen Fällen eher gering. Das ließe sich sicher ändern.

„Jeder kann helfen, aber hilft das wirklich“ – mehr Qualifizierung und öffentliche Aufmerksamkeit für die Ehrenamtlichen sind nötig

Einige aus der Runde berichten von Personen bei denen es durch die Mehrfachbelastung zum Burn Out gekommen ist. Oft sind es Frauen, da diese den Gros der ehrenamtlichen Helfer stellen. Die zeit- und nervenaufreibende Suche nach Mitteln, die mangelnde Anerkennung der eigenen Arbeit und auch die Konfrontation mit den Lebensgeschichten der Flüchtlinge sowie den Härten eines Asylsystems, das Freunde und Familien am Ende ihrer Flucht auseinanderreißt – das alles ist für einige mehr als sie verkraften können.

Hier ist es nötig den Ehrenamtlichen mehr fachliche Beratung und Qualifizierungsangebote zur Seite zu stellen, die bei Problemen helfen. Beispielsweise würden eine schnell zu erwerbende pädagogische Qualifizierung oder pädagogische Handlungsanleitungen und sofort einsetzbare Kursmaterialien vielen ehrenamtlich Lehrenden helfen vor Ort Sprachkurse anzubieten und sich auf die Betreuung der Lernenden konzentrieren zu können. Langfristig unerlässlich wäre – auch aus Sicht der Ehrenamtlichen – eine grundlegende Überprüfung der Eignung als ehrenamtlicher Helfer. Natürlich ist man froh um jede helfende Hand, gleichzeitig häufen sich die Erfahrungen mit Hilfe, die zwar gut gemeint aber nicht gut gemacht ist. Da sind z.B. Personen, die Deutschkurse zwar anbieten, aber nach wenigen Terminen den Hut vor der Heterogenität der Teilnehmer ziehen und aufgeben. Nachfolgende Kurse haben dann ein Problem erneut Verbindlichkeit herzustellen. Es gibt Fälle bei denen Flüchtlinge ermutigt werden sich einen Anwalt zu nehmen, ohne auf die daraus entstehenden Kosten hinzuweisen. Am Ende steht der Anruf spätabends bei einem schon langjährig aktiven Helfer mit der Bitte schnell einen größeren finanziellen Betrag einzusammeln um die erhaltene Rechnung zu begleichen. Danach die folgende Suche nach verfügbaren Mitteln. Zusätzlicher Stress der sich aus Sicht der Befragten leicht vermeiden ließe.

Erst kürzlich wies auch der Kindesmissbrauchsbeauftragte der Bundesregierung auf die Gefahr von Übergriffen in Sammelunterkünften hin[1] – ein Thema das die befragten Ehrenamtlichen als hoch bedeutsam einstufen. Auch in den Flüchtlingsheimen gibt es in vielen Fällen keine Kontrolle, wer sich den Erwachsenen und Jugendlichen nähert. Fehlendes Wissen um behördliche Abläufe und Sprachbarrieren tragen dazu bei, dass Missbrauch möglich wird wenn nicht Aufpasser – wie etwa die Hausbesitzer – vorhanden sind.

Es gibt also viel zu tun – nicht nur für Flüchtlinge, sondern auch für ehrenamtlich Helfende. Mehr Vernetzungs- und Austauschmöglichkeiten müssen geschaffen werden, damit gute Lösungen skaliert und weiter entwickelt werden. Unterstützungsangebote für Helfer müssen auf- und ausgebaut werden, damit diese die finanziellen Mittel und das professionelle Rüstzeug erhalten, um ihre Aufgabe zu meistern. Gleichzeitig ist eine stärkere Form der Anerkennung ehrenamtlichen Engagements nötig – nicht nur im Sinne entgegengebrachter Wertschätzung, sondern auch in Form einer besseren Qualifizierung der Helfenden. Diese ist der Schlüssel, dass die Ehrenamtlichen nicht durch die Aufgaben die sie übernehmen verbrannt werden, sondern – wie die Gesellschaft als Ganzes – an Ihnen wachsen.

Blogbeitragsreihe zur Flüchtlingsthematik:

Zum Thema Integration von Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt berichtet auch unsere Kollegin Claudia Burkard:
http://blog.aus-und-weiterbildung.eu/integration-von-fluechtlingen/

 

[1] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fluechtlinge-warnung-vor-sexueller-gewalt-in-asylheimen-a-1055435.html