Blog „Aus- und Weiterbildung“

Verfasst von Talea Schütte

Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten – Berufekarten sollen helfen

Jüngst präsentierte Andrea Nahles, Bundesministerin für Arbeit und Soziales (BMAS) in Berlin auf der Konferenz zur Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten eine Studie der OECD , Titel „Zusammen arbeiten: Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten in Deutschland und anderen OECD-Staaten“.

Die von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) konzipierte Studie, konstatiert hierbei unter anderem, Deutschland bemühe sich bereits, die Kompetenzen der Asylbewerber und Flüchtlinge effektiv festzustellen. Allerdings stecke dieser Prozess noch in den Kinderschuhen – Pilotprojekte würden zeigen müssen, was praxistauglich und bundesweit umsetzbar sein werde (vgl. S.9).

Eignen sich die Kompetenzkarten der Bertelsmann Stiftung als Good Practice zur Kompetenzfeststellung von berufsrelevanten Fähigkeiten? Bereits Mitte letzten Jahres haben wir eine erste Umfrage unter den Nutzern durchgeführt. Im Januar 2017 haben wir gemeinsam mit dem Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb)  erneut die Nutzer der Kartensets zu einer Online-Umfrage eingeladen. (Umfragelink).

Ziel der Umfrage?

Wir wollten wissen: Was sind die Einsatzgebiete und -kontexte der Kompetenzkarten? Wer stellt die Zielgruppe der Beratung dar? Welche Wünsche haben die Nutzer an die von der Bertelsmann Stiftung als Erweiterung der Kompetenzkarten geplanten Berufekarten. Ein letzter Befragungsteil bezog sich auf den Bedarf nach einer möglichen Digitalisierung der Kompetenzkarten. Ergebnisse hierzu finden Sie in Kürze erneut auf diesem Blog.

Insgesamt haben 549 Menschen aus Migrationsberatung, Jugendmigrationsdiensten, Arbeitsagenturen, Job Centern und Arbeitsmarkt- und Bildungsdienstleistern sowie aus Kommunen an der Befragung teilgenommen. Hierfür möchten wir uns an dieser Stelle herzlich bedanken!

Kompetenzkarten als Gesprächseinstieg? Einsatzgebiete und -kontexte der Kompetenzkarten

In einem Interview beschreibt Ramona López Salinas, MBE Beraterin aus Kiel anschaulich,wie in der Beratung von Geflüchteten, mit wenig Deutschkenntnissen oder traumatischen Erlebnissen die Kompetenzkarten helfen, ins Gespräch zu kommen. Einen erleichterten Gesprächseinstieg bestätigt auch fast die Hälfte aller jetzt befragten (48 %)* Beratenden.

Die Karten dienen am häufigsten der Berufsorientierung (74 %) sowie der Vermittlung der Klienten und Klientinnen in die Arbeit und Weiterbildung (68 %). Immerhin ein Drittel gibt an, die Karten stiften Nutzen bei der Erkennung und Kommunikation der Kompetenzen (34 %) – Stichwort: Empowerment des Arbeitssuchenden.

Wie werden die Karten in einem Beratungsgespräch eingesetzt, wollten wir gerne erfahren. Oftmals werden die Karten einzeln der Klientin bzw. dem Klienten vorgelegt und diese/r ordnet sie zu (49 %). In vielen Fällen sucht die Klientin bzw. der Klient aber auch aus dem gesamten Set eine festgelegte Anzahl an Kompetenzkarten aus, die seine/ihre Stärken besonders gut beschreiben (27 %) – Modularisierung und Praxis-Orientierung sei Dank, gibt es diverse Einsatzmethoden. Übrigens werden die Karten am meisten zur sozialen Kompetenz-Bestimmung zu Rate gezogen (43 %).

Kompetenzkarten dienen ausschließlich der Förderung von Migranten und Migrantinnen? Die Zielgruppe der Beratung

Hier bestätigt sich einmal mehr die flexible Anwendung der Kompetenzkarten. Generell stellen Personen mit Migrationshintergrund die größte Zielgruppe dar (73 %), aber auch Personen ohne Migrationshintergrund werden mithilfe der Kompetenzkarten beraten (65 %). Geflüchtete tauchen in der Umfrage lediglich mit 22 % auf.

Mit Abstand findet die Toolbox ihre häufigste Anwendung im Gespräch mit jungen Erwachsenen (Alter zwischen 18 und 27 Jahren) (79 %), sowie bei Erwachsenen im Allgemeinen (ab 28 Jahren) (69 %). Minderjährige hingegen stehen nur bei einem Fünftel der Befragten die Zielgruppe dar (22 %).

Wie steht es um den formalen Bildungshintergrund und das Einkommensverhältnis der zu beratenden Personengruppe? Die meisten Ratsuchenden gelten als formal Geringqualifizierte (88 %). Über die Hälfte aller Befragten gibt zudem an, die Karten zur Kompetenzermittlung bei Personen mit mittlerer Qualifikation (56 %) anzuwenden und fast ein Drittel nutzen sie konkret in der Kompetenzerkennung von Hochqualifizierten (31 %). Auffallend ist zudem, dass speziell Erwerbslose mit 91 % in den Ergebnissen auftauchen, was jedoch angesichts der Tatsache, dass sie es meist sind, die MBE-Beratungsorganisationen, Arbeitsagentur, Jobcenter und Co. aufsuchen, nicht weiter verwunderlich ist.

Was nehmen wir mit?

Getreu dem Motto von Oscar Wilde: „Unzufriedenheit ist der erste Schritt zum Erfolg“, haben wir nach Verbesserungsvorschlägen gefragt. Herausgekommen ist der Wunsch nach zusätzlichen Kompetenzkarten zu rechnerischen Fähigkeiten (57 %), Konzentrationsfähigkeit (53 %) und Genauigkeit (49 %).

Berufekarten als wichtiger nächster Schritt

Ganze 95 % der Befragten würden Berufekarten einsetzen, die wir gerade für die bessere Unterstützung der Vermittlung in Praktikum, Aus- und Weiterbildung und Arbeit gemeinsam mit dem f-bb entwickeln. Wenn das kein Ansporn ist!

Wir haben zudem danach gefragt, was auf den Karten abgebildet werden soll. Zu unserem Erstaunen zeigte sich, dass sich jeweils ein Drittel der Befragten die Abbildung von Berufsfeldern (30 %), von Tätigkeitsfeldern (30 %) sowie von einzelnen Berufen (37 %) wünscht. Dies werden wir in der Realisierung der Berufekarten berücksichtigen.

Unser Ziel ist es, ein Produkt zu entwickeln, das in seiner Anwendung sowohl selbsterklärend als auch praxistauglich ist. Dafür bedarf es, laut den Teilnehmenden vor allem eins: einer großflächigen Visualisierung von beruflichen Handlungssituationen in Form von Fotos (73 %). Eine Darstellung in Form von Zeichnungen (10 %), wie sie auf den Kompetenzkarten zu finden sind, eignet sich augenscheinlich nicht.

Sind Sie interessiert an den ausführlichen Ergebnissen unserer Umfrage? Dann klicken Sie hier.

Wie geht’s jetzt weiter?

Ausgehend von den Ergebnissen der Umfrage, hat bereits im Februar ein Workshop mit ausgewählten Beratenden in Nürnberg stattgefunden. Ein weiterer ist für Ende März in Leipzig geplant. Die erste Testphase der Berufekarten steht für April/Mai an. Wenn Sie Interesse daran haben, an dieser Testphase teilzunehmen, schreiben Sie gerne eine E-Mail an Frau Täntzler vom f-bb (taentzler.jessica@f-bb.de).

 

* Die Prozentzahl bezieht sich immer auf den Anteil derjenigen Befragten, die die jeweilige Frage beantwortet haben. Bei einigen Fragen waren Mehrfachnennungen möglich.