Blog „Aus- und Weiterbildung“

Verfasst von Monika Fischer

Deutsch für Anfänger: Im Flüchtlingsheim einfacher gesagt als getan (2/4)

Das Erlernen der deutschen Sprache ist ein unerlässlicher Grundstock für eine gelingende Integration von Flüchtlingen. Die Teilnahme an festen Deutschkursen ist vielen aber nicht möglich, denn es fehlen Kursräume und mehr noch die Dozenten. Dadurch sind ehrenamtlich gehaltene Sprachkurse in den Flüchtlingsheimen oft die einzige Möglichkeit für Flüchtlinge Deutsch zu lernen. Mittlerweile engagiert sich eine große Anzahl Ehrenamtlicher auf diesem Gebiet. Mit einigen von ihnen habe ich über ihre Tätigkeit als ehrenamtliche Deutschlehrende sowie damit verbundene Herausforderungen und Lösungsansätze gesprochen.

Eine Aufgabe – viele Herausforderungen: Die größten davon sind die Heterogenität der Lernenden sowie das Fehlen passender Lernmaterialien

Die Erfahrungen der Ehrenamtlichen zeigen, dass erfolgreiches Sprachenlernen mit einem guten persönlichen Draht zwischen Lernenden und Lehrenden steht und fällt – schließlich ist Vertrauen die Grundlage um Lernende zu motivieren. Die zweitgrößte Herausforderung bei der Gestaltung der Kurse liegt in der extremen Heterogenität der Flüchtlinge. Vom Analphabeten bis zum Akademiker sind alle Bildungsniveaus vertreten, dazu kommt die schwierige Kommunikation zwischen unterschiedlichen Nationalitäten, Ethnien, Schichten und Geschlechtern. Auch die Lernmotivation ist nicht immer hoch. Viele Flüchtlinge haben einen – aus deutscher Sicht – eher bildungsfernen Hintergrund. Eine Kultur lebenslangen Lernens wie in Deutschland, findet sich zudem nicht überall und muss als Wert von den Lernenden erst verstanden werden. Das den Dozenten der Kurse pädagogisches Wissens sowie passende Lernmaterialien fehlen, ist ein weiteres Problem, für das dringend Lösungen gesucht werden. Viele Ehrenamtliche haben keinen Überblick darüber, wo sie solche Hilfen finden können. Eine schnelle pädagogische Qualifizierung oder zumindest pädagogische Handlungsanleitungen und sofort einsetzbare Kursmaterialien könnten vielen ehrenamtlich Lehrenden helfen, sich stärker auf die Betreuung der Lernenden zu konzentrieren.

Heterogenität der Lernenden: „In Schubladen denke ich schon lange nicht mehr“

Seine eigenen Erfahrungen mit Deutschkursen für Flüchtlinge bringt einer der Befragten kurz und knapp auf den Punkt: „In Schubladen denke ich schon lange nicht mehr.“ Zu vielfältig sind die Voraussetzungen aber auch Bedürfnisse seiner Schüler. So berichten die meisten Dozenten, dass in Ihren Kursen vom Analphabeten bis zum Akademiker alle Bildungsniveaus vertreten sind. Oft wäre eine gezielte Einzelförderung der beste Weg um die Lernenden weiterzubringen. Möglich ist das aber in fast keinem Fall. Vor allem der Unterricht mit Analphabeten – von deinen einige bisher nie Schreibgeräte in der Hand gehalten haben – stellt die Dozenten vor eine Herausforderung: Welcher methodische Ansatz bringt den Lernenden weiter? Welches Material ist für ihn geeignet?
Antworten darauf erarbeiten sie sich von Tag zu Tag neu, oft mit moderatem Erfolg. Schließlich endet die Heterogenität der Lernenden nicht beim Bildungsniveau. Unterschiedliche Nationalitäten, Ethnien, Schichten und Geschlechter komplizieren die Organisation der Kurse. Da sind z.B. Senegalesen die nicht mit Syrern lernen wollen – und oft wegen sprachlicher Probleme schlicht gar nicht können. Da gibt es mehrere syrische Familien, die alle in einer Unterkunft wohnen und damit die perfekte Zielgruppe eines homogenen Sprachkurses wären. Allerdings gehören sie unterschiedlichen sozialen Schichten an und wollen daher nur ungern Zeit miteinander verbringen. Und schließlich sind da Männer, die ihre Frauen nicht allein in einen Kurs gehen lassen wollen, oder aber mitkommen und mehr stören als helfen. Letzteres ist übrigens ein Problem, das in meinen eigenen Forschungsarbeiten gang und gäbe war. Darin finden sich ganz ähnliche Aussagen von deutschen Frauen, die in den 1980ern Kurse an Volkshochschulen besuchten. Damals waren ihre deutschen Männer über den Kursbesuch ebenfalls nicht wirklich begeistert.

Einfacher wäre es aus Sicht der ehrenamtlichen Dozenten die Lernenden nach Bildungsniveaus zu separieren und dann die Kurse optimal an deren Voraussetzungen anzupassen. Das ist aber nur selten möglich. Einmal finden sich gerade im ländlichen Raum kaum ausreichend Lernende auf gleichem Niveau in einem Dorf. Über die Dörfer hinweg macht ein gemeinsamer Kurs ebenfalls keinen Sinn, denn als einziges Mobilitätsmittel steht vielen Flüchtlingen nur ein Fahrrad zur Verfügung. Bei schlechtem Wetter und im Winter müssten die Kurse dann ausfallen. Auch zeigen Erfahrungswerte, dass die Bereitschaft einiger Lerner einen Kurs außerhalb der eigenen Unterkunft aufzusuchen gering ist – selbst wenn der Kursort nur ein paar Häuser entfernt liegt. Und zuletzt fehlen manchmal einfach passende Räume. Dann findet der Deutschkurs ohne Tafel, auf Klappstühlen und mithilfe improvisierter Tische statt. Wie der Kurs mit Kursleiter zum Kursraum kommt ist dann die erste Frage, die noch vor allen didaktischen und inhaltlichen Fragen gelöst werden muss.

Eine Lösung, die noch keine ist: Digitale Deutschkurse für Flüchtlinge

Digitale Medien bieten gerade für den Umgang mit heterogenen Lernenden entscheidende Vorteile. Sie können raum- und zeitunabhängig eingesetzt werden, zudem können die angebotenen Lernmodule zu individualisierten Lerneinheiten zusammengestellt werden. Deutsch lernen mithilfe digitaler Medien wäre also für Flüchtlinge ein idealer Weg. Die ehrenamtlichen Dozenten sind hier wenig enthusiastisch, denn praktisch lässt sich digitales Lernen in vielen Flüchtlingsheimen schon aufgrund fehlender Technik nicht realisieren. Dazu kommen weitere, teils unerwartete Hindernisse.
Einmal fehlt es in den meisten Heimen an einem frei verfügbaren Internetzugang für die Flüchtlinge, denn viele Hausbesitzer haben Bedenken bezüglich der Sicherheit. Dieses Problem besteht weiter, wenn einer der Flüchtlinge selbst einen solchen Zugang für alle einrichtet. Es gibt einen Fall eines von Flüchtlingen selbst finanzierten und problemlos funktionierenden Internetzugangs, den die ehrenamtlichen kennen. Dieser findet sich in einer Unterkunft in der 15 Personen einer Nationalität untergebracht sind, die zudem vom einem Hausältesten angeleitet werden. Dieser ist als allgemein anerkannte Respektsperson Besitzer des Internetanschlusses.

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Wenn ein Internetzugang vorhanden ist, stellt sich immer noch die Frage nach nutzbaren Endgeräten. Hier haben die Ehrenamtlichen die Erfahrung gemacht, dass Smartphones die beste Alternative sind. Sie werden von den Flüchtlingen sehr pfleglich behandelt, sind leicht zu verstauen und immer verfügbar. Der Versuch gebrauchte Notebooks einzusetzen scheiterte sowohl am Vandalismus einiger weniger Flüchtlinge als auch durch den Diebstahl mehrerer Geräte direkt aus einem Flüchtlingsheim. Es gibt in vielen Heimen keine Möglichkeit solche Geräte sicher unterzubringen. Aus Sicht der Dozenten wäre ein Verleih von Endgeräten die beste Lösung, nicht zuletzt weil dies einen Anreiz zum Kursbesuch darstellen würde.
Viele der Flüchtlinge, mit denen die befragten Dozenten arbeiten, sind (digitale) Analphabeten. Mit aufwändigeren Lernprogrammen, die textbasiert sind, kommen sie selbst auf dem Smartphone nicht zurecht. Gut lassen sich dagegen einfache Tools einsetzen, die gar nicht fürs Lernen konzipiert wurden. Der Google Translator gehört mittlerweile ins Standardrepertoire der Dozenten – zum einen um mit den Flüchtlingen zu kommunizieren, zum anderen um den Unterricht störungsfrei zu gestalten. Sobald ein Lernender etwas nicht verstanden hat, nutzt er selbstständig den Translator und fragt erst nach, wenn er damit nicht weiter kommt. So wird der Kurs für alle effizienter und selbstgesteuertes Lernen wird gefördert.
Gefragt sind daher sinnvolle Blended Learning Konzepte, welche die technischen Kenntnisse und die technische Ausrüstung der Flüchtlinge sowie der ehrenamtlichen Lehrenden berücksichtigen. Letzteres ist nicht unbedeutend, denn die von mir interviewten Lehrenden waren zu 2/3 über 50 Jahre alt und fallen sicher nicht unter die Kategorie „digital natives.“

Schnell einsetzbares Lernmaterial: „Das Suchen von Material ist zu zeitaufwändig“

Gutes Lernmaterial für die Deutschkurse mit Flüchtlingen ist rar gesät. So resümiert eine Dozentin: „Vor allem das Suchen von Material ist zu zeitaufwändig. Für jede Kursstunde setze ich nochmal fast zwei Stunden für Vorbereitung an. Diese Zeit habe ich eigentlich neben meinem Beruf nicht. Ich würde Sie auch viel lieber in die Betreuung der Lernenden stecken.“ Damit bringt sie die Probleme, die viele der anderen Ehrenamtlichen ansprechen auf einen Nenner. Es gibt zwar viele Bücher für alle möglichen Bildungsniveaus und es gibt mindestens genauso viele Lernmaterialien – ein guter, schneller und verlässlicher Überblick mit intuitiven Suchmöglichkeiten für die Lehrenden fehlt allerdings. Am besten auf einer gut zugänglichen Plattform im Internet. Wichtig wären aus ihrer Sicht weiterhin klare Empfehlungen dazu was bei welcher Zielgruppe gut eingesetzt werden kann, am besten mit einer kurzen Handlungsanleitung.
Die Kosten für das Lehr- und Lernmaterial scheinen vor diesem Hintergrund noch das geringste Problem. Im Raum Rosenheim gibt es von kommunaler Seite Zuschüsse von 500 Euro pro ehrenamtlich gehaltenem Kurs. Das reicht für die nötigsten Unterlagen. Darüber hinaus ist man auf Spenden angewiesen.

Trotz der Vielfalt vorhandener Materialien besteht immer wieder der Bedarf Lernmaterial anzupassen – etwa bei maximal heterogenen Lerngruppen. Hilfreich wären hier leicht anpassbare Materialien, etwa in Form digital bearbeitbarer Dokumente. An einigen Stellen im Netz gibt es solche Arbeitsblätter schon, sie passen aber nur selten zum konkreten Bedarf vor Ort. Die Idee eines Dozenten, Arbeitsblätter eines Oberthemas in unterschiedlichen Niveaus vorzuhalten findet in der befragten Gruppe großen Anklang. Damit wäre es möglich den Kurs durch ein gemeinsames Thema zusammenzuhalten, aber gleichzeitig sinnvolle Einzelarbeit zu ermöglichen. Schnell einsetzbares, kleinteilig modularisiertes Arbeitsmaterial das frei bearbeitbar ist würde dem Bedarf der Ehrenamtlichen am besten entgegenkommen. Idealerweise würden die Lerninhalte zudem grundlegendes Wissen über die bei uns gültigen Werte, Normen und Verhaltensweisen vermitteln.

Es braucht Handlungshilfen für Ehrenamtliche, die Bildungsarbeit mit Flüchtlingen einfach machen

Um die Arbeit der ehrenamtlichen Dozenten zu unterstützen, braucht es also aus Sicht der befragten Personen dreierlei: Gut durchdachte Konzepte für das Lehren und Lernen in heterogenen Gruppen, frei verfügbare und schnell adaptierbare Lernmaterialien für verschiedene Niveaus und schließlich gut ausgestattete Lernräume. Die ersten beiden Elemente werden im Rahmen eines Themenspecials „Bildungsarbeit mit Flüchtlingen“ in wenigen Monaten auf dem Weiterbildungsportal wb-web verfügbar sein.
Für passende Lernräume kann wb-web nicht sorgen, aber dafür dass sich das unermüdliche Engagement der ehrenamtlichen Dozenten durch praxisnahe Handlungshilfen auf die wichtigen Dinge konzentrieren kann: Die Betreuung der Lernenden.

Blogbeitragsreihe zur Flüchtlingsthematik: