Blog „Aus- und Weiterbildung“

Verfasst von Dr. Martin Noack

Fachkräftesicherung ade – Die Weiterbildungsverlierer

Ist die Debatte zum Fachkräftemangel heiße Luft?

Wenn in Südwestfalen die Stundenlöhne von Baggerfahrern in den letzten Jahren von 12,50 € auf 17,50 € gestiegen sind, wie Peter Staudt vom BVMW – Bundesverband mittelständische Wirtschaft, Unternehmerverband Deutschlands e.V. gestern auf dem Meeting Mittelstand in Soest beschrieb, kann zumindest in einigen Branchen schon jetzt von einem Fachkräftebedarf gesprochen werden. Auch die anwesenden Unternehmensvertreter berichteten von sich direkt abzeichnenden Fachkräfteengpässen, z.B. bei der Rekrutierung von Ingenieuren, Apothekern und Personenkraftfahrern. Diese Engpässe schlügen bei den in der Politik stärker präsenten Branchenriesen wie Bayer, Daimler, Siemens und Co., die auch heute zum Teil 17.000 Bewerbungen auf 300 Ausbildungsstellen zu verzeichnen haben, viel weniger stark zu Buche als bei kleineren und mittleren Unternehmen, so der Tenor der Diskussion. Die Sorgen der Mittelständler bezogen sich hierbei vor allem auf den jungen Nachwuchs und die Frage wie Schulabgänger motiviert werden können statt eines Studiums eine Ausbildung in einem Job zu beginnen, bei dem die Work-Life-Balance nicht die oberste Priorität sein kann.


Präsentation Fachkräftesicherung ade – Die Weiterbildungsverlierer

Sind Mittelständler bereit zur Fachkräftesicherung auch Geringqualifizierte Erwachsene zu qualifizieren?

Diese Frage stellte ich den Anwesenden gestern am Ende meines Vortrages über unsere Weiterbildungsverliererstudie zu atypischer Beschäftigung  im LWL-Berufsbildungswerk Soest. Große Begeisterung ob dieses Vorschlages habe ich nicht verspürt, aber auch keine große Ablehnung. Ich blickte vor allem in nachdenkliche Gesichter. Dass hier noch viel Aufklärungsarbeit nötig ist, bestätigte auch Michael Quenkert, Teamleiter des Arbeitgeberservice der Agentur für Arbeit in Soest. Wie viele andere Arbeitsagenturen in der Bundesrepublik hat er erhebliche Mittel für die Weiter- und Nachqualifizierung von Ungelernten im WeGebAU Programm  zur Verfügung. Diese werden allerdings zu einem Drittel gar nicht abgerufen. Und das obwohl das Programm nicht nur für Lehrgangskosten und übrige Weiterbildungskosten wie Fahrkosten ganz oder teilweise aufkommt. Es gewährt dem Arbeitgeber sogar unter bestimmten Voraussetzungen einen Arbeitsentgeltzuschuss, um für den weiterbildungsbedingten Arbeitsausfall zu kompensieren.

Keine Zukunft für Weiterbildungsverlierer?

Durch das mangelnde Engagement vieler Betriebe und die Nicht-Nutzung bestehender Weiterbildungsfördermöglichkeiten bleibt echte gesellschaftliche Teilhabe für atypisch Beschäftigte und Geringqualifizierte weiterhin Zukunftsmusik – Dabei könnte sich hier gerade mit Blick auf die Fachkräftesituation eine Win-Win Situation zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern entwickeln.

Ein ähnlicher Win-Win bietet sich im Übrigen auch für eine andere Zielgruppe an, wie Erwin Denninghaus vom LWL-Berufsbildungswerk Soest, eindringlich den potentiellen Arbeitgebern seiner schwerbehinderten Auszubildenden beschrieb. Von allen Absolventen des Berufsbildungswerkes, landeten nämlich schon jetzt 75% dauerhaft in sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung und erreichten dadurch nicht nur ein selbstbestimmtes Leben, sondern entlasteten auch die Volkswirtschaft.

Nötig, darüber bestand am Ende der Diskussion Einigkeit, sei eine bessere Vernetzung der verschiedenen Arbeitsmarkt- und Weiterbildungsakteure und eine Fokussierung nicht auf die Defizite sondern auf die Potentiale des Einzelnen, denn – jeder kann etwas #dukannstwas!

Over and out

Unbenannt

Foto von links nach rechts: Peter Staudt, BVMW; Erwin Denninghaus  LWL Soest; Dr. Martin Noack, Bertelsmann Stiftung; Holger Kirschstein, LWL Soest