„Same same but different“ oder warum ähnliche Berufsausbildungssysteme nicht unbedingt auch zu ähnlichen Ergebnissen führen

(Ausbildung ökonomisch betrachtet, Teil 2/7)

Duale Ausbildungsmodelle sind international gefragt. Insbesondere Länder mit hoher Jugendarbeitslosigkeit streben danach, ihre beruflichen Ausbildungssysteme praxisnäher zu gestalten, um die Übergänge junger Menschen in den Arbeitsmarkt zu verbessern. Als große Hürde bei der Einführung von dualen Ausbildungsmodellen in Ländern ohne diese Tradition erweist sich dabei die Beteiligung von Unternehmen. Denn ein Staat kann zwar Gesetze erlassen und Rahmenbedingungen schaffen, aber ohne die – freiwillige! – Beteiligung von Betrieben gibt es keine duale Ausbildung. Diese sehen jedoch oftmals nur den  Kostenfaktor.

Die Bildungsökonomen Prof. Dr. Stefan C. Wolter und Prof. Dr. Samuel Mühlemann haben deshalb in den vergangenen Jahren in verschiedenen Ländern empirische Daten rund um das Kosten-Nutzen-Verhältnis erhoben und zudem Kosten-Nutzen-Simulationen durchgeführt, um herauszufinden, unter welchen Bedingungen duale Ausbildung eine Win-Win-Situation für Auszubildende und Betriebe darstellt. Aus diesen Untersuchungen haben die Wissenschaftler sieben übergreifende Erkenntnisse abgeleitet, denen in den kommenden Wochen je ein Blogbeitrag gewidmet ist.

Lektion 2: Ähnliche Ausbildungssysteme führen nicht unbedingt zu ähnlichen Ergebnissen

Deutschland, die Schweiz und Österreich haben bekanntlich ähnliche – nämlich duale –Ausbildungssysteme. Da kann man auch erwarten, dass sich die betrieblichen Kosten und Nutzen in der Gesamtschau ähnlich entwickeln. Tun sie aber nicht! Bereits erste Vergleiche zwischen der Schweiz und Deutschland zeigten, dass Schweizer Betriebe am Ende der Ausbildung im Durchschnitt einen Nettogewinn erzielten, während deutsche Betriebe mit Nettokosten rechnen mussten.

Spielen Kosten und Nutzen bei deutschen Betrieben für die Ausbildungsentscheidung etwa keine Rolle? Doch. Allerdings gleicht sich das Kosten-Nutzen-Verhältnis für deutsche Betriebe – anders als bei ihrem Schweizer Pendants – erst nach Abschluss der Ausbildung aus: Dann, wenn der Auszubildende als Fachkraft im Betrieb bleibt. Doch warum gelingt es Schweizer Betrieben bereits während der Ausbildungszeit einen Nettogewinn zu erzielen und deutschen Betrieben nicht? Dieser Unterschied erklärt sich durch die Zeit, die die Auszubildenden im produktiven Arbeitsprozess des Betriebes verbringen: Anders als in der Schweiz beschäftigten die Betriebe in Deutschland ihre Auszubildenden häufiger mit Aufgaben, die nicht zur unmittelbaren Wertschöpfung des Betriebes beitragen.

Auch in Österreich zeigte sich, dass die Betriebe wie in Deutschland die Ausbildungszeit mit Nettokosten beendeten. Allerdings aus etwas anderen Gründen: In Österreich lagen die Ausbildungsvergütungen im Verhältnis zu den Löhnen von Fachkräften deutlich höher als in der Schweiz. Dies wiederum liegt u. a. daran, dass in Österreich der Wettbewerb zwischen Ausbildungsstellen in Betrieben und vollzeitschulischer Berufsausbildung wesentlich stärker ist als in der Schweiz. Um Azubis zu finden, versuchen österreichische Betriebe einen Anreiz durch hohe Ausbildungsvergütungen zu schaffen, den Schweizer Betriebe nicht brauchen.

Was lässt sich daraus lernen? Zum Beispiel, dass bei der Übertragung eines Berufsbildungssystems in ein anderes Land das Ergebnis stark von den dort herrschenden Rahmenbedingungen abhängt – zum Beispiel die Höhe der Ausbildungsvergütungen im Vergleich zu der Entlohnung von Fachkräften.

Neugierig geworden? Die ausführliche Fassung dieser und der anderen sechs Lektionen findet sich hier.

Lektion 1



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